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Gruppe Krisis: Manifest gegen die Arbeit

Erschienen 31.12.1999 durch Robert Kurz aus der Gruppe Krisis.

1. Die Herrschaft der toten Arbeit#

Ein Leichnam beherrscht die Gesellschaft – der Leichnam der Arbeit. Alle MĂ€chte rund um den Globus haben sich zur Verteidigung dieser Herrschaft verbĂŒndet: Der Papst und die Weltbank, Tony Blair und Jörg Haider, Gewerkschaften und Unternehmer, deutsche Ökologen und französische Sozialisten. Sie alle kennen nur eine Parole: Arbeit, Arbeit, Arbeit!

Wer das Denken noch nicht verlernt hat, erkennt unschwer die Bodenlosigkeit dieser Haltung. Denn die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vorĂŒbergehende Krise, sie stĂ¶ĂŸt an ihre absolute Schranke. Die Reichtumsproduktion hat sich im Gefolge der mikroelektronischen Revolution immer weiter von der Anwendung menschlicher Arbeitskraft entkoppelt – in einem Ausmaß, das bis vor wenigen Jahrzehnten nur in der Science-fiction vorstellbar war. Niemand kann ernsthaft behaupten, daß dieser Prozeß noch einmal zum Stehen kommt oder gar umgekehrt werden kann. Der Verkauf der Ware Arbeitskraft wird im 21. Jahrhundert genauso aussichtsreich sein wie im 20. Jahrhundert der Verkauf von Postkutschen. Wer aber in dieser Gesellschaft seine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, gilt als â€žĂŒberflĂŒssig“ und wird auf der sozialen MĂŒllhalde entsorgt.

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen! Dieser zynische Grundsatz gilt noch immer – und heute mehr denn je, gerade weil er hoffnungslos obsolet wird. Es ist absurd: Die Gesellschaft war niemals so sehr Arbeitsgesellschaft wie in einer Zeit, in der die Arbeit ĂŒberflĂŒssig gemacht wird. Gerade in ihrem Tod entpuppt sich die Arbeit als totalitĂ€re Macht, die keinen anderen Gott neben sich duldet. Bis in die Poren des Alltags und bis in die Psyche hinein bestimmt sie das Denken und Handeln. Es wird kein Aufwand gescheut, um das Leben des Arbeitsgötzen kĂŒnstlich zu verlĂ€ngern. Der paranoide Schrei nach „BeschĂ€ftigung“ rechtfertigt es, die lĂ€ngst erkannte Zerstörung der Naturgrundlagen sogar noch zu forcieren. Die letzten Hindernisse fĂŒr die totale Kommerzialisierung aller sozialen Beziehungen dĂŒrfen kritiklos hinweggerĂ€umt werden, wenn ein paar elende „ArbeitsplĂ€tze“ in Aussicht stehen. Und der Satz, es sei besser, „irgendeine“ Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden.

Je unĂŒbersehbarer es wird, daß die Arbeitsgesellschaft an ihrem definitiven Ende angelangt ist, desto gewaltsamer wird dieses Ende aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrĂ€ngt. So unterschiedlich die Methoden der VerdrĂ€ngung auch sein mögen, sie haben einen gemeinsamen Nenner: Die weltweite Tatsache, daß sich die Arbeit als irrationaler Selbstzweck erweist, der sich selber obsolet gemacht hat, wird mit der Sturheit eines Wahnsystems in das persönliche oder kollektive Versagen von Individuen, Unternehmen oder „Standorten“ umdefiniert. Die objektive Schranke der Arbeit soll als subjektives Problem der Herausgefallenen erscheinen.

Gilt den einen die Arbeitslosigkeit als Produkt ĂŒberzogener AnsprĂŒche, fehlender Leistungsbereitschaft und FlexiblitĂ€t, so werfen die anderen „ihren“ Managern und Politikern UnfĂ€higkeit, Korruption, Gewinnsucht oder Standortverrat vor. Und schließlich sind sich alle mit Ex-BundesprĂ€sident Roman Herzog einig: Es mĂŒsse ein sogenannter „Ruck“ durch das Land gehen, ganz so, als handelte es sich um das Motivationsproblem einer Fußballmannschaft oder einer politischen Sekte. Alle sollen sich „irgendwie“ gewaltig am Riemen reißen, auch wenn der Riemen lĂ€ngst abhanden gekommen ist, und alle sollen „irgendwie“ krĂ€ftig anpacken, auch wenn es gar nichts mehr (oder nur noch Unsinniges) zum Anpacken gibt. Der Subtext dieser unfrohen Botschaft ist unmißverstĂ€ndlich: Wer trotzdem nicht die Gnade des Arbeitsgötzen findet, ist selber schuld und kann mit gutem Gewissen abgeschrieben oder abgeschoben werden.

Dasselbe Gesetz des Menschenopfers gilt im Weltmaßstab. Ein Land nach dem anderen wird unter den RĂ€dern des ökonomischen Totalitarismus zermalmt und beweist damit immer nur das eine: Es hat sich an den sogenannten Marktgesetzen vergangen. Wer sich nicht bedingungslos und ohne RĂŒcksicht auf Verluste dem blinden Lauf der totalen Konkurrenz „anpaßt“, den bestraft die Logik der RentabilitĂ€t. Die HoffnungstrĂ€ger von heute sind der Wirtschaftsschrott von morgen. Die herrschenden ökonomischen Psychotiker lassen sich dadurch in ihrer bizarren WelterklĂ€rung nicht im geringsten erschĂŒttern. Drei Viertel der Weltbevölkerung sind bereits mehr oder weniger zum sozialen Abfall erklĂ€rt worden. Ein „Standort“ nach dem anderen stĂŒrzt ab. Nach den desaströsen „EntwicklungslĂ€ndern“ des SĂŒdens und nach der staatskapitalistischen Abteilung der Weltarbeitsgesellschaft im Osten sind die marktwirtschaftlichen MusterschĂŒler SĂŒdostasiens ebenso im Orkus des Zusammenbruchs verschwunden. Auch in Europa breitet sich lĂ€ngst die soziale Panik aus. Die Ritter von der traurigen Gestalt in Politik und Management aber setzen ihren Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen nur umso verbissener fort.

Jeder muß von seiner Arbeit leben können, heißt der aufgestellte Grundsatz. Das Lebenkönnen ist sonach durch die Arbeit bedingt, und es gibt kein solches Recht, wo die Bedingung nicht erfĂŒllt worden. (Johann Gottlieb Fichte, Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, 1797)

2. Die neoliberale Apartheidsgesellschaft#

Eine auf das irrationale Abstraktum Arbeit zentrierte Gesellschaft entwickelt zwangslĂ€ufig die Tendenz zur sozialen Apartheid, wenn der erfolgreiche Verkauf der Ware Arbeitskraft von der Regel zur Ausnahme wird. Alle Fraktionen des parteiĂŒbergreifenden Arbeits-Lagers haben diese Logik lĂ€ngst klammheimlich akzeptiert und helfen selber krĂ€ftig nach. Sie streiten nicht mehr darĂŒber, ob immer grĂ¶ĂŸere Teile der Bevölkerung an den Rand gedrĂ€ngt und von jeder gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen werden, sondern nur noch darĂŒber, wie diese Selektion durchgepeitscht werden soll.

Die neoliberale Fraktion ĂŒberlĂ€ĂŸt das schmutzige sozialdarwinistische GeschĂ€ft vertrauensvoll der „unsichtbaren Hand“ des Marktes. In diesem Sinne werden die sozialstaatlichen Netze abgebaut, um all diejenigen möglichst gerĂ€uschlos zu marginalisieren, die in der Konkurrenz nicht mehr mithalten können. Als Mensch wird nur noch anerkannt, wer zur Bruderschaft der feixenden Globalisierungsgewinnler gehört. Alle Ressourcen des Planeten werden ganz selbstverstĂ€ndlich fĂŒr die kapitalistische Selbstzweckmaschine usurpiert. Wenn sie dafĂŒr nicht mehr rentabel mobilisierbar sind, mĂŒssen sie brachliegen, selbst wenn daneben ganze Populationen dem Hunger anheimfallen.

ZustĂ€ndig fĂŒr den lĂ€stigen „HumanmĂŒll“ sind die Polizei, die religiösen Erlösungssekten, die Mafia und die ArmenkĂŒchen. In den USA und in den meisten Staaten Mitteleuropas sitzen inzwischen mehr Menschen im GefĂ€ngnis als in jeder durchschnittlichen MilitĂ€rdiktatur. Und in Lateinamerika werden tĂ€glich mehr Straßenkinder und andere Arme von marktwirtschaftlichen Todesschwadronen gekillt als Oppositionelle in den Zeiten der schlimmsten politischen Repression. Nur noch eine gesellschaftliche Funktion bleibt den Ausgestoßenen: die des abschreckenden Beispiels. Ihr Schicksal soll alle, die sich bei der arbeitsgesellschaftlichen „Reise nach Jerusalem“ noch im Rennen befinden, im Kampf um die letzten PlĂ€tze immer weiter anstacheln und selbst noch die Masse der Verlierer in hektischer Bewegung halten, damit sie gar nicht erst auf den Gedanken kommen, gegen die unverschĂ€mten Zumutungen zu rebellieren.

Doch auch um den Preis der Selbstaufgabe sieht die schöne neue Welt der totalitĂ€ren Marktwirtschaft fĂŒr die meisten nur noch einen Platz als Schattenmenschen in der Schattenwirtschaft vor. Sie haben sich als Billigstarbeiter und demokratische Sklaven der „Dienstleistungsgesellschaft“ den besserverdienenden Globalisierungsgewinnlern demĂŒtig anzudienen. Die neuen „arbeitenden Armen“ dĂŒrfen den restlichen Business-Men der sterbenden Arbeitsgesellschaft die Schuhe putzen, ihnen verseuchte Hamburger verkaufen oder ihre Einkaufszentren bewachen. Wer sein Gehirn an der Garderobe abgegeben hat, kann dabei sogar vom Aufstieg zum Service-MillionĂ€r trĂ€umen.

In den angelsĂ€chsischen LĂ€ndern ist diese Horror-Welt fĂŒr Millionen bereits RealitĂ€t, in der Dritten Welt und in Osteuropa sowieso; und in Euro-Land zeigt man sich entschlossen, den bestehenden RĂŒckstand zĂŒgig aufzuholen. Die einschlĂ€gigen WirtschaftsblĂ€tter machen jedenfalls lĂ€ngst kein Geheimnis mehr daraus, wie sie sich die ideale Zukunft der Arbeit vorstellen: Die Kinder der Dritten Welt, die an verpesteten Straßenkreuzungen die Scheiben der Autos putzen, sind das leuchtende Vorbild „unternehmerischer Initiative“, an dem sich die Arbeitslosen in der hiesigen „DienstleistungswĂŒste“ gefĂ€lligst zu orientieren haben. „Das Leitbild der Zukunft ist das Individuum als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge“ schreibt die „Kommission fĂŒr Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen“. Und: „Die Nachfrage nach einfachen personenbezogenen Diensten ist umso grĂ¶ĂŸer, je weniger die Dienste kosten, und das heißt die Dienstleister verdienen.“ In einer Welt, in der es noch menschliche Selbstachtung gibt, mĂŒĂŸte diese Aussage den sozialen Aufstand provozieren. In einer Welt von domestizierten Arbeitstieren wird sie nur ein hilfloses Nicken hervorrufen.

Der Gauner hatte die Arbeit zerstört, trotzdem aber den Lohn eines Arbeiters sich weggenommen; nun soll er arbeiten ohne Lohn, dabei aber den Segen des Erfolgs und Gewinnes selbst in der Kerkerzelle ahnen. [
] Er soll zur sittlichen Arbeit als einer freien persönlichen Tat erzogen werden durch Zwangsarbeit. (Wilhelm Heinrich Riehl, Die deutsche Arbeit, 1861)

3. Die neo-sozialstaatliche Apartheid#

Die anti-neoliberalen Fraktionen des gesamtgesellschaftlichen Arbeits-Lagers mögen sich zwar mit dieser Perspektive nicht so recht anfreunden, aber gerade fĂŒr sie steht unverrĂŒckbar fest, daß ein Mensch ohne Arbeit kein Mensch ist. Nostalgisch auf die NachkriegsĂ€ra fordistischer Massenarbeit fixiert, haben sie nichts anderes im Sinn, als diese verflossenen Zeiten der Arbeitsgesellschaft neu zu beleben. Der Staat soll doch noch einmal richten, wozu der Markt nicht mehr in der Lage ist. Die vermeintliche arbeitsgesellschaftliche NormalitĂ€t soll durch „BeschĂ€ftigungsprogramme“, kommunale Zwangsarbeit fĂŒr SozialhilfeempfĂ€nger, Standortsubventionen, Verschuldung und andere politische Maßnahmen weitersimuliert werden. Dieser halbherzig aufgewĂ€rmte Arbeits-Etatismus hat zwar nicht den Hauch einer Chance, trotzdem bleibt er ideologischer Bezugspunkt fĂŒr breite, vom Absturz bedrohte Bevölkerungsschichten. Und gerade in ihrer Hoffnungslosigkeit ist die daraus resultierende Praxis alles andere als emanzipatorisch.

Die ideologische Verwandlung der „knappen Arbeit“ ins erste BĂŒrgerrecht schließt konsequent alle Nicht-StaatsbĂŒrger aus. Die soziale Selektionslogik wird also nicht in Frage gestellt, sondern nur anders definiert: Der individuelle Überlebenskampf soll durch ethnisch-nationalistische Kriterien entschĂ€rft werden. „InlĂ€ndische TretmĂŒhlen nur fĂŒr InlĂ€nder“, schreit es aus der Volksseele, die in der perversen Liebe zur Arbeit noch einmal zur Volksgemeinschaft findet. Der Rechtspopulismus macht aus dieser Schlußfolgerung keinerlei Hehl. Seine Kritik an der Konkurrenzgesellschaft lĂ€uft nur auf die ethnische SĂ€uberung in den schrumpfenden Zonen des kapitalistischen Reichtums hinaus.

Dagegen will der gemĂ€ĂŸigte Nationalismus sozialdemokratischer oder grĂŒner PrĂ€gung zwar die alteingesessenen Arbeitsimmigranten als InlĂ€nder gelten lassen und bei kratzfĂŒĂŸigem Wohlverhalten und garantierter Harmlosigkeit sogar zu StaatsbĂŒrgern machen. Doch die verschĂ€rfte Ausgrenzung von FlĂŒchtlingen aus Ost und SĂŒd kann dadurch nur umso besser populistisch legitimiert und umso gerĂ€uschloser betrieben werden – natĂŒrlich stets verborgen hinter einem Wortschwall von HumanitĂ€t und ZivilitĂ€t. Die Menschenjagd auf „Illegale“, die sich an inlĂ€ndische ArbeitsplĂ€tze heranschleichen wollen, soll möglichst keine hĂ€ĂŸlichen Blut- und Brandflecken auf deutschem Boden hinterlassen. DafĂŒr gibt es den Grenzschutz, die Polizei und die PufferlĂ€nder von Schengenland, die alles ganz nach Recht und Gesetz und am besten fernab aller Fernsehkameras erledigen.

Die staatliche Arbeits-Simulation ist schon von Haus aus gewalttĂ€tig und repressiv. Sie steht fĂŒr den unbedingten Willen, die Herrschaft des Arbeitsgötzen auch nach seinem Tod mit allen verfĂŒgbaren Mitteln aufrechtzuerhalten. Dieser arbeitsbĂŒrokratische Fanatismus lĂ€ĂŸt die Herausgefallenen, die Arbeits- und Chancenlosen und all diejenigen, die sich aus gutem Grund der Arbeit verweigern, nicht einmal in den ohnehin schon erbĂ€rmlich engen Rest-Nischen des abgerissenen Sozialstaats zur Ruhe kommen. Sie werden von Sozialarbeitern und Arbeitsvermittlerinnen ins Licht der staatlichen Verhörlampen gezerrt und zu einem öffentlichen Kotau vor dem Thron des herrschenden Leichnams gezwungen.

Gilt vor Gericht normalerweise der Grundsatz „im Zweifel fĂŒr den Angeklagten“, so hat sich hier die Beweislast umgekehrt. Wollen sie kĂŒnftig nicht von Luft und christlicher NĂ€chstenliebe leben, dann mĂŒssen die Herausgefallenen jede Schmutz- und Sklavenarbeit und jede noch so absurde „BeschĂ€ftigungsmaßnahme“ akzeptieren, um ihre bedingungslose Arbeitsbereitschaft zu demonstrieren. Ob das, was sie zu tun bekommen, auch nur im entferntesten einen Sinn hat oder der schieren AbsurditĂ€t verfĂ€llt, ist dabei vollkommen egal. Nur in permanenter Bewegung sollen sie bleiben, damit sie niemals vergessen, nach welchem Gesetz sich ihre Existenz zu vollziehen hat.

FrĂŒher haben Menschen gearbeitet, um Geld zu verdienen. Heute scheut der Staat keine Kosten, damit Hunderttausende in absonderlichen „TrainingswerkstĂ€tten“ oder „BeschĂ€ftigungsfirmen“ die verschwundene Arbeit simulieren und sich fit fĂŒr regulĂ€re „ArbeitsplĂ€tze“ machen, die sie nie erhalten werden. Immer neue und immer dĂŒmmere „Maßnahmen“ werden erfunden, nur um den Schein zu wahren, daß die leerlaufende gesellschaftliche TretmĂŒhle bis in alle Ewigkeit in Gang bleiben kann. Je sinnloser der Arbeitszwang wird, desto brutaler soll den Menschen ins Hirn gehĂ€mmert werden, daß es kein Brötchen umsonst gibt.

In dieser Hinsicht erweisen sich „New Labour“ und seine Nachahmer ĂŒberall in der Welt als durchaus kompatibel mit dem neoliberalen Modell der sozialen Selektion. Durch die Simulation von „BeschĂ€ftigung“ und das Vorgaukeln einer positiven Zukunft der Arbeitsgesellschaft wird die moralische Legitimation geschaffen, umso hĂ€rter gegen Arbeitslose und Arbeitsverweigerer vorzugehen. Gleichzeitig drĂŒcken staatlicher Arbeitszwang, Lohnsubventionen und sogenannte „ehrenamtliche BĂŒrgerarbeit“ die Arbeitskosten immer weiter nach unten. So wird der wuchernde Sektor von Billiglohn und Armutsarbeit massiv gefördert.

Die sogenannte aktive Arbeitspolitik nach dem Modell von „New Labour“ verschont nicht einmal chronisch Kranke und alleinerziehende MĂŒtter mit Kleinkindern. Wer staatliche UnterstĂŒtzung bekommt, wird erst dann aus dem amtlichen WĂŒrgegriff entlassen, wenn sein Namensschild am großen Zeh hĂ€ngt. Der einzige Sinn dieser Zudringlichkeit besteht darin, möglichst viele Menschen davon abzuhalten, ĂŒberhaupt noch irgendwelche AnsprĂŒche an den Staat zu stellen und den Herausgefallenen derart widerliche Folterwerkzeuge zu zeigen, daß jede Elendsarbeit vergleichsweise angenehm erscheinen muß.

Offiziell schwingt der paternalistische Staat die Peitsche immer nur aus Liebe und in der Absicht, seine als „arbeitsscheu“ denunzierten Kinder im Namen ihres besseren Fortkommens streng zu erziehen. TatsĂ€chlich haben die „pĂ€dagogischen“ Maßnahmen einzig und allein das Ziel, die Klienten aus dem Haus zu prĂŒgeln. Welchen anderen Sinn sollte es sonst machen, Arbeitslose zur Spargelernte auf die Felder zwangszuverpflichten? Dort sollen sie polnische Saisonarbeiter verdrĂ€ngen, die den Hungerlohn nur deswegen akzeptieren, weil er sich durch die WechselkursverhĂ€ltnisse fĂŒr sie zuhause in ein annehmbares Entgelt verwandelt. Den Zwangsarbeitern aber wird mit dieser Maßnahme weder geholfen noch gar irgendeine „Berufsperspektive“ eröffnet. Und auch fĂŒr die Spargelbauern sind die verdrossenen Akademiker und Facharbeiter, mit denen sie beglĂŒckt werden, ein einziges Ärgernis. Wenn aber nach dem Zwölfstundentag auf deutschem Mutterboden die blöde Idee, aus Verzweiflung eine WĂŒrstchenbude aufzumachen, plötzlich in freundlicherem Licht erscheint, dann hat die „Flexibilisierungshilfe“ ihre erwĂŒnschte neubritische Wirkung gezeitigt.

Jeder Job ist besser als keiner. (Bill Clinton, 1998)

Kein Job ist so hart wie keiner. (Motto einer Plakatausstellung der Bundekoordinierungsstelle der Erwerbsloseninitiativen in Deutschland, 1998)

BĂŒrgerarbeit soll belohnt werden, nicht entlohnt. [
] Aber wer in BĂŒrgerarbeit tĂ€tig ist, verliert auch den Makel der Arbeitslosigkeit und des SozialhilfeempfĂ€ngers. (Ulrich Beck, Die Seele der Demokratie, 1997)

4. Zuspitzung und Dementi der Arbeitsreligion#

Der neue Arbeitsfanatismus, mit dem diese Gesellschaft auf den Tod ihres Götzen reagiert, ist die logische Fortsetzung und Endstufe einer langen Geschichte. Seit den Tagen der Reformation haben alle tragenden KrĂ€fte der westlichen Modernisierung die Heiligkeit der Arbeit gepredigt. Vor allem in den letzten 150 Jahren waren sĂ€mtliche Gesellschaftstheorien und politischen Strömungen von der Idee der Arbeit geradezu besessen. Sozialisten und Konservative, Demokraten und Faschisten haben sich bis aufs Messer bekĂ€mpft, aber trotz aller Todfeindschaft immer gemeinsam dem Arbeitsgötzen geopfert. „Die MĂŒĂŸiggĂ€nger schiebt beiseite“ hieß es im Text der internationalen Arbeiterhymne – und „Arbeit macht frei“ echote es schauerlich ĂŒber dem Tor von Auschwitz. Die pluralistischen Nachkriegs-Demokratien schworen erst recht auf die immerwĂ€hrende Diktatur der Arbeit. Selbst die Verfassung des stockkatholischen Bayern belehrt die BĂŒrger ganz im Sinne der von Luther ausgehenden Tradition: „Arbeit ist die Quelle des Volkswohlstandes und steht unter dem besonderen Schutz des Staates.“ Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich alle ideologischen GegensĂ€tze nahezu verflĂŒchtigt. Übrig geblieben ist das gnadenlose gemeinsame Dogma, die Arbeit sei die natĂŒrliche Bestimmung des Menschen.

Heute dementiert die arbeitsgesellschaftliche Wirklichkeit selber dieses Dogma. Die Priester der Arbeitsreligion haben immer gepredigt, der Mensch sei seiner angeblichen Natur nach ein „animal laborans“. Er werde ĂŒberhaupt erst zum Menschen, indem er wie einst Prometheus den Naturstoff seinem Willen unterwerfe und sich in seinen Produkten verwirkliche. Dieser Mythos des Welteroberers und des Demiurgen, der seine Berufung habe, war zwar schon immer ein Hohn auf den Charakter des modernen Arbeitsprozesses, aber er mochte im Zeitalter der Erfinderkapitalisten vom Schlage Siemens oder Edison und ihrer Facharbeiterbelegschaften noch ein reales Substrat besessen haben. Mittlerweile aber ist dieser Gestus vollends absurd geworden.

Wer heute noch nach Inhalt, Sinn und Zweck seiner Arbeit fragt, wird verrĂŒckt – oder zum Störfaktor fĂŒr das selbstzweckhafte Funktionieren der gesellschaftlichen Maschine. Der einstmals arbeitsstolze homo faber, der das, was er tat, auf seine bornierte Art noch ernst nahm, ist so altmodisch wie eine mechanische Schreibmaschine geworden. Die MĂŒhle hat um jeden Preis zu laufen, und damit basta. FĂŒr die Sinnerfindung sind die Werbeabteilung und ganze Heerscharen von Animateuren und Betriebspsychologinnen, Imageberatern und Drogendealerinnen zustĂ€ndig. Wo dauernd von Motivation und KreativitĂ€t geplappert wird, ist garantiert nichts mehr davon ĂŒbrig – es sei denn als Selbstbetrug. Deshalb zĂ€hlen die FĂ€higkeiten zu Autosuggestion, Selbstdarstellung und Kompetenz-Simulation heute zu den wichtigsten Tugenden von Managern und Facharbeiterinnen, Medienstars und Buchhaltern, Lehrerinnen und ParkplatzwĂ€chtern.

Auch die Behauptung, die Arbeit sei eine ewige Notwendigkeit und den Menschen von der Natur aufgeherrscht, hat sich an der Krise der Arbeitsgesellschaft grĂŒndlich blamiert. Seit Jahrhunderten wird gepredigt, dem Arbeitsgötzen sei allein schon deshalb zu huldigen, weil BedĂŒrfnisse nun einmal nicht ohne schweißtreibendes menschliches Zutun von selbst befriedigt werden. Und der Zweck der ganzen Arbeits-Veranstaltung sei ja wohl die BedĂŒrfnisbefriedigung. TrĂ€fe das zu, eine Kritik der Arbeit wĂ€re so sinnvoll wie eine Kritik der Schwerkraft. Aber wie sollte denn ein wirkliches „Naturgesetz“ in die Krise geraten oder gar verschwinden? Die WortfĂŒhrer des gesellschaftlichen Arbeits-Lagers, von der leistungswahnsinnigen neoliberalen Kaviarfresserin bis zum gewerkschaftlichen BierbauchtrĂ€ger, geraten mit ihrer Pseudo-Natur der Arbeit in Argumentationsnot. Oder wie wollen sie es erklĂ€ren, daß heute drei Viertel der Menschheit nur deshalb in Not und Elend versinken, weil das arbeitsgesellschaftliche System ihre Arbeit gar nicht mehr brauchen kann?

Nicht mehr der alttestamentarische Fluch „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ lastet auf den Herausgefallenen, sondern ein neues, erst recht unerbittliches Verdammungsurteil: „Du sollst nicht essen, denn dein Schweiß ist ĂŒberflĂŒssig und unverkĂ€uflich“. Und das soll ein Naturgesetz sein? Es ist nichts anderes als ein irrationales gesellschaftliches Prinzip, das als Naturzwang erscheint, weil es ĂŒber Jahrhunderte hinweg alle anderen Formen sozialer Beziehung zerstört oder sie unterworfen und sich selbst absolut gesetzt hat. Es ist das „Naturgesetz“ einer Gesellschaft, die sich fĂŒr ĂŒberaus „rational“ hĂ€lt, die aber in Wahrheit nur der ZweckrationalitĂ€t ihres Arbeitsgötzen folgt, dessen „SachzwĂ€ngen“ sie auch noch den letzten Rest ihrer HumanitĂ€t zu opfern bereit ist.

Arbeit steht, sei sie auch noch so niedrig und mammonistisch, stets im Zusammenhang mit der Natur. Schon der Wunsch, Arbeit zu verrichten, leitet immer mehr und mehr zur Wahrheit und zu den Gesetzen und Vorschriften der Natur, welche Wahrheit sind. (Thomas Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln, 1843)

5. Arbeit ist ein gesellschaftliches Zwangsprinzip#

Arbeit ist keineswegs identisch damit, daß Menschen die Natur umformen und sich tĂ€tig aufeinander beziehen. Solange es Menschen gibt, werden sie HĂ€user bauen, Kleidung und Nahrung ebenso wie viele andere Dinge herstellen, sie werden Kinder aufziehen, BĂŒcher schreiben, diskutieren, GĂ€rten anlegen, Musik machen und dergleichen mehr. Das ist banal und selbstverstĂ€ndlich. Nicht selbstverstĂ€ndlich aber ist, daß die menschliche TĂ€tigkeit schlechthin, die pure „Verausgabung von Arbeitskraft“, ohne jede RĂŒcksicht auf ihren Inhalt, ganz unabhĂ€ngig von den BedĂŒrfnissen und vom Willen der Beteiligten, zu einem abstrakten Prinzip erhoben wird, das die sozialen Beziehungen beherrscht.

In den alten Agrargesellschaften gab es alle möglichen Herrschaftsformen und persönlichen AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse, aber keine Diktatur des Abstraktums Arbeit. Die TĂ€tigkeiten in der Umformung der Natur und in der sozialen Beziehung waren zwar keineswegs selbstbestimmt, aber ebensowenig einer abstrakten „Verausgabung von Arbeitskraft“ unterworfen, sondern vielmehr eingebettet in komplexe Regelwerke von religiösen Vorschriften, sozialen und kulturellen Traditionen mit wechselseitigen Verpflichtungen. Jede TĂ€tigkeit hatte ihre besondere Zeit und ihren besonderen Ort; es gab keine abstrakt-allgemeine TĂ€tigkeitsform.

Es war erst das moderne warenproduzierende System mit seinem Selbstzweck der unaufhörlichen Verwandlung von menschlicher Energie in Geld, das eine besondere, aus allen anderen Beziehungen „herausgelöste“, von jedem Inhalt abstrahierende SphĂ€re der sogenannten Arbeit hervorbrachte – eine SphĂ€re der unselbstĂ€ndigen, bedingungslosen und beziehungslosen, roboterhaften TĂ€tigkeit, abgetrennt vom ĂŒbrigen sozialen Zusammenhang und einer abstrakten „betriebswirtschaftlichen“ ZweckrationalitĂ€t jenseits der BedĂŒrfnisse gehorchend. In dieser vom Leben abgetrennten SphĂ€re hört die Zeit auf, gelebte und erlebte Zeit zu sein; sie wird zum bloßen Rohstoff, der optimal vernutzt werden muß: „Zeit ist Geld“. Jede Sekunde wird verrechnet, jeder Gang zum Klo ist ein Ärgernis, jedes SchwĂ€tzchen ein Verbrechen am verselbstĂ€ndigten Produktionszweck. Wo gearbeitet wird, darf nur abstrakte Energie verausgabt werden. Das Leben findet woanders statt – oder auch gar nicht, weil der Zeittakt der Arbeit in alles hineinregiert. Schon die Kinder werden auf die Uhr dressiert, um einmal „leistungsfĂ€hig“ zu sein. Der Urlaub dient bloß der Wiederherstellung der „Arbeitskraft“. Und selbst beim Essen, beim Feiern und in der Liebe tickt der Sekundenzeiger im Hinterkopf.

In der SphĂ€re der Arbeit zĂ€hlt nicht, was getan wird, sondern daß das Tun als solches getan wird, denn die Arbeit ist gerade insofern ein Selbstzweck, als sie die Verwertung des Geldkapitals trĂ€gt – die unendliche Vermehrung von Geld um seiner selbst willen. Arbeit ist die TĂ€tigkeitsform dieses absurden Selbstzwecks. Nur deshalb, nicht aus sachlichen GrĂŒnden, werden alle Produkte als Waren produziert. Denn allein in dieser Form reprĂ€sentieren sie das Abstraktum Geld, dessen Inhalt das Abstraktum Arbeit ist. Darin besteht der Mechanismus der verselbstĂ€ndigten gesellschaftlichen TretmĂŒhle, in der die moderne Menschheit gefangengehalten wird.

Und eben deshalb ist auch der Inhalt der Produktion ebenso gleichgĂŒltig wie der Gebrauch der produzierten Dinge und wie die sozialen und natĂŒrlichen Folgen. Ob HĂ€user gebaut oder Tretminen hergestellt, BĂŒcher gedruckt oder Gentomaten gezĂŒchtet werden, ob darĂŒber Menschen erkranken, ob die Luft vergiftet wird oder „nur“ der gute Geschmack unter die RĂ€der kommt – all das ist nicht von Belang, solange sich nur, auf welche Weise auch immer, die Ware in Geld und das Geld in neue Arbeit verwandeln lĂ€ĂŸt. Daß die Ware einen konkreten Gebrauch verlangt, und sei es einen destruktiven, ist fĂŒr die betriebswirtschaftliche RationalitĂ€t völlig uninteressant, denn fĂŒr diese gilt das Produkt nur als TrĂ€ger von vergangener Arbeit, von „toter Arbeit“.

Die AnhĂ€ufung von „toter Arbeit“ als Kapital, dargestellt in der Geldform, ist der einzige „Sinn“, den das moderne warenproduzierende System kennt. „Tote Arbeit“? Eine metaphysische VerrĂŒcktheit! Ja, aber eine zur handgreiflichen RealitĂ€t gewordene Metaphysik, eine „versachlichte“ VerrĂŒcktheit, die diese Gesellschaft im eisernen Griff hĂ€lt. Im ewigen Kaufen und Verkaufen tauschen sich die Menschen nicht als selbstbewußte gesellschaftliche Wesen aus, sondern sie exekutieren als soziale Automaten nur den ihnen vorausgesetzten Selbstzweck.

Der Arbeiter fĂŒhlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befrieidgung eines BedĂŒrfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um BedĂŒrfnisse außer ihr zu befriedigen. Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844)

6. Arbeit und Kapital sind die beiden Seiten derselben Medaille#

Die politische Linke hat die Arbeit immer besonders eifernd verehrt. Sie hat die Arbeit nicht nur zum Wesen des Menschen erhoben, sondern sie damit auch zum vermeintlichen Gegenprinzip des Kapitals mystifiziert. Nicht die Arbeit galt ihr als Skandal, sondern bloß ihre Ausbeutung durch das Kapital. Deshalb war das Programm sĂ€mtlicher „Arbeiterparteien“ auch immer nur die „Befreiung der Arbeit“, nicht aber die Befreiung von der Arbeit. Der soziale Gegensatz von Kapital und Arbeit ist aber bloß der Gegensatz unterschiedlicher (wenn auch unterschiedlich mĂ€chtiger) Interessen innerhalb des kapitalistischen Selbstzwecks. Der Klassenkampf war die Austragungsform dieser gegensĂ€tzlichen Interessen auf dem gemeinsamen gesellschaftlichen Boden des warenproduzierenden Systems. Er gehörte der inneren Bewegungsdynamik der Kapitalverwertung an. Ob der Kampf nun um Löhne, um Rechte, um Arbeitsbedingungen oder um ArbeitsplĂ€tze gefĂŒhrt wurde: seine blinde Voraussetzung blieb stets die herrschende TretmĂŒhle mit ihren irrationalen Prinzipien.

Vom Standpunkt der Arbeit zĂ€hlt der qualitative Inhalt der Produktion genauso wenig wie vom Standpunkt des Kapitals. Was interessiert, ist einzig die Möglichkeit, die Arbeitskraft optimal zu verkaufen. Es geht nicht um die gemeinsame Bestimmung ĂŒber den Sinn und Zweck des eigenen Tuns. Wenn es die Hoffnung jemals gab, eine solche Selbstbestimmung der Produktion könnte in den Formen des warenproduzierenden Systems verwirklicht werden, so haben die „ArbeitskrĂ€fte“ sich diese Illusion schon lĂ€ngst abgeschminkt. Es geht nur noch um „ArbeitsplĂ€tze“, um „BeschĂ€ftigung“ – schon die Begriffe beweisen den Selbstzweck-Charakter der ganzen Veranstaltung und die UnmĂŒndigkeit der Beteiligten.

Was und wofĂŒr und mit welchen Folgen produziert wird, ist dem VerkĂ€ufer der Ware Arbeitskraft letzten Endes genauso herzlich egal wie dem KĂ€ufer. Die Arbeiter der Atomkraftwerke und der Chemiefabriken protestieren am lautesten, wenn ihre tickenden Zeitbomben entschĂ€rft werden sollen. Und die „BeschĂ€ftigten“ von Volkswagen, Ford oder Toyota sind die fanatischsten AnhĂ€nger des automobilen Selbstmordprogramms. Nicht etwa bloß deswegen, weil sie sich gezwungenermaßen verkaufen mĂŒssen, um ĂŒberhaupt leben zu „dĂŒrfen“, sondern weil sie sich tatsĂ€chlich mit diesem bornierten Dasein identifizieren. Soziologen, Gewerkschaftern, Pfarrern und anderen Berufstheologen der „sozialen Frage“ gilt das als Beweis fĂŒr den ethisch-moralischen Wert der Arbeit. Arbeit bildet Persönlichkeit, sagen sie. Zu recht. NĂ€mlich die Persönlichkeit von Zombis der Warenproduktion, die sich ein Leben außerhalb ihrer heißgeliebten TretmĂŒhle gar nicht mehr vorstellen können, fĂŒr die sie sich tagtĂ€glich selber zurichten.

So wenig aber die Arbeiterklasse als Arbeiterklasse jemals der antagonistische Widerspruch des Kapitals und das Subjekt der menschlichen Emanzipation war, ebensowenig steuern umgekehrt die Kapitalisten und Manager die Gesellschaft nach der Bösartigkeit eines subjektiven Ausbeuterwillens. Keine herrschende Kaste in der Geschichte hat jemals ein derart unfreies und erbĂ€rmliches Leben gefĂŒhrt wie die gehetzten Manager von Microsoft, Daimler-Chrysler oder Sony. Jeder mittelalterliche Gutsherr hĂ€tte diese Leute abgrundtief verachtet. Denn wĂ€hrend er sich der Muße hingeben und seinen Reichtum mehr oder weniger orgiastisch verprassen konnte, dĂŒrfen sich die Eliten der Arbeitsgesellschaft selber keine Pause gönnen. Außerhalb der TretmĂŒhle wissen auch sie nichts anderes mit sich anzufangen als wieder kindisch zu werden; Muße, Lust an der Erkenntnis und sinnlicher Genuß sind ihnen so fremd wie ihrem Menschenmaterial. Sie sind selber nur Knechte des Arbeitsgötzen, bloße Funktionseliten des irrationalen gesellschaftlichen Selbstzwecks.

Der herrschende Götze weiß seinen subjektlosen Willen ĂŒber den „stummen Zwang“ der Konkurrenz durchzusetzen, dem sich auch die MĂ€chtigen beugen mĂŒssen, gerade wenn sie hunderte von Fabriken managen und Milliardensummen ĂŒber den Globus schieben. Tun sie es nicht, werden sie ebenso rĂŒcksichtslos ausrangiert wie die ĂŒberflĂŒssigen „ArbeitskrĂ€fte“. Aber gerade ihre eigene UnmĂŒndigkeit macht die FunktionĂ€re des Kapitals so maßlos gefĂ€hrlich, nicht ihr subjektiver Ausbeuterwille. Sie dĂŒrfen am allerwenigsten nach dem Sinn und den Folgen ihres rastlosen Tuns fragen, GefĂŒhle und RĂŒcksichten können sie sich nicht leisten. Deshalb nennen sie es Realismus, wenn sie die Welt verwĂŒsten, die StĂ€dte verhĂ€ĂŸlichen und die Menschen mitten im Reichtum verarmen lassen.

Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits „BedĂŒrfnis der Erholung“ und fĂ€ngt an, sich vor sich selber zu schĂ€men. „Man ist es seiner Gesundheit schuldig“ – so redet man, wenn man auf einer Landpartie ertappt wird. Ja es könnte bald so weit kommen, daß man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgĂ€be. (Friedrich Nietzsche, Muße und MĂŒĂŸiggang, 1882)

7. Arbeit ist patriarchale Herrschaft#

Auch wenn die Logik der Arbeit und ihrer Verwurstung zur Geldmaterie danach drĂ€ngt, so lassen sich doch nicht alle gesellschaftlichen Bereiche und notwendigen TĂ€tigkeiten in diese SphĂ€re der abstrakten Zeit hineinpressen. Deshalb entstand zusammen mit der „herausgelösten“ SphĂ€re der Arbeit, gewissermaßen als deren RĂŒckseite, auch die SphĂ€re des privaten Haushalts, der Familie und der IntimitĂ€t.

In diesem als „weiblich“ definierten Bereich verbleiben die vielen und wiederkehrenden TĂ€tigkeiten des alltĂ€glichen Lebens, die sich nicht oder nur ausnahmsweise in Geld verwandeln lassen: vom Putzen und Kochen ĂŒber die Kindererziehung und die Pflege alter Menschen bis zur „Liebesarbeit“ der idealtypischen Hausfrau, die ihren ausgelaugten Arbeitsmann betĂŒtert und ihn „GefĂŒhle tanken“ lĂ€ĂŸt. Die SphĂ€re der IntimitĂ€t als RĂŒckseite der Arbeit wird deshalb von der bĂŒrgerlichen Familienideologie zum Hort des „eigentlichen Lebens“ verklĂ€rt – auch wenn sie in der RealitĂ€t meistens eher eine Intimhölle ist. Es handelt sich eben nicht um eine SphĂ€re des besseren und wahren Lebens, sondern um eine ebenso bornierte und reduzierte Form des Daseins, die nur mit einem anderen Vorzeichen versehen wird. Diese SphĂ€re ist selber ein Produkt der Arbeit, von dieser zwar abgespalten, aber doch nur existent im Bezug auf sie. Ohne den abgespaltenen sozialen Raum der „weiblichen“ TĂ€tigkeitsformen hĂ€tte die Arbeitsgesellschaft niemals funktionieren können. Dieser Raum ist ihre stumme Voraussetzung und gleichzeitig ihr spezifisches Resultat.

Das gilt auch fĂŒr die geschlechtlichen Stereotypen, die in der Entwicklung des warenproduzierenden Systems ihre Verallgemeinerung erfuhren. Nicht zufĂ€llig verfestigte sich das Bild der natur- und triebhaften, irrationalen und emotional gesteuerten Frau erst zusammen mit dem des kulturschaffenden, vernĂŒnftigen und beherrschten Arbeitsmannes zum Massenvorurteil. Und nicht zufĂ€llig ging die Selbstzurichtung des weißen Mannes fĂŒr die Zumutungen der Arbeit und ihrer staatlichen Menschenverwaltung mit einer jahrhundertelangen wĂŒtenden „Hexenverfolgung“ einher. Auch die gleichzeitig beginnende naturwissenschaftliche Weltaneignung war schon in ihren Wurzeln kontaminiert durch den arbeitsgesellschaftlichen Selbstzweck und seine geschlechtlichen Zuschreibungen. Auf diese Weise trieb der weiße Mann, um reibungslos funktionieren zu können, all die GefĂŒhlslagen und emotionalen BedĂŒrfnisse aus sich selber aus, die im Reich der Arbeit nur als Störfaktoren zĂ€hlen.

Im 20. Jahrhundert, besonders in den fordistischen Nachkriegs-Demokratien, wurden die Frauen zunehmend in das System der Arbeit einbezogen. Aber das Resultat war nur ein weibliches Schizo-Bewußtsein. Denn einerseits konnte das Vordringen der Frauen in die SphĂ€re der Arbeit keine Befreiung bringen, sondern nur dieselbe Zurichtung fĂŒr den Arbeitsgötzen wie bei den MĂ€nnern. Andererseits blieb die Struktur der „Abspaltung“ ungebrochen bestehen und damit auch die SphĂ€re der als „weiblich“ definierten TĂ€tigkeiten außerhalb der offiziellen Arbeit. Die Frauen wurden auf diese Weise einer Doppelbelastung unterworfen und gleichzeitig völlig gegensĂ€tzlichen sozialen Imperativen ausgesetzt. Innerhalb der SphĂ€re der Arbeit bleiben sie bis heute ĂŒberwiegend auf schlechter bezahlte und subalterne Positionen verwiesen.

Daran wird kein systemkonformer Kampf fĂŒr Frauenquoten und weibliche Karriere-Chancen etwas Ă€ndern. Die erbĂ€rmliche bĂŒrgerliche Vision einer „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ lĂ€ĂŸt die SphĂ€rentrennung des warenproduzierenden Systems und damit die geschlechtliche „Abspaltungs“-Struktur völlig unangetastet. FĂŒr die Mehrheit der Frauen ist diese Perspektive unlebbar, fĂŒr eine Minderheit von „Besserverdienenden“ wird sie zur perfiden Gewinnerposition in der sozialen Apartheid, indem sie Haushalt und Kinderbetreuung an schlechtbezahlte (und „selbstverstĂ€ndlich“ weibliche) Angestellte delegieren können.

In der Gesamtgesellschaft wird die bĂŒrgerlich geheiligte SphĂ€re des sogenannten Privatlebens und der Familie in Wahrheit immer weiter ausgehöhlt und degradiert, weil die arbeitsgesellschaftliche Usurpation die ganze Person, völlige Aufopferung, MobilitĂ€t und zeitliche Anpassung fordert. Das Patriarchat wird nicht abgeschafft, es verwildert nur in der uneingestandenen Krise der Arbeitsgesellschaft. In demselben Maße, wie das warenproduzierende System zusammenbricht, werden die Frauen fĂŒr das Überleben auf allen Ebenen verantwortlich gemacht, wĂ€hrend die „mĂ€nnliche“ Welt die Kategorien der Arbeitsgesellschaft simulativ verlĂ€ngert.

Furchtbares hat die Menschheit sich antun mĂŒssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, mĂ€nnliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der AufklĂ€rung)

8. Arbeit ist die TĂ€tigkeit der UnmĂŒndigen#

Nicht nur faktisch, sondern auch begrifflich lĂ€ĂŸt sich die IdentitĂ€t von Arbeit und UnmĂŒndigkeit nachweisen. Noch vor wenigen Jahrhunderten war der Zusammenhang zwischen Arbeit und sozialem Zwang den Menschen durchaus bewußt. In den meisten europĂ€ischen Sprachen bezieht sich der Begriff „Arbeit“ ursprĂŒnglich nur auf die TĂ€tigkeit des unmĂŒndigen Menschen, des AbhĂ€ngigen, des Knechts oder des Sklaven. Im germanischen Sprachraum bezeichnet das Wort die Schufterei eines verwaisten und daher in Leibeigenschaft geratenen Kindes. „Laborare“ bedeutete im Lateinischen so viel wie „Schwanken unter einer schweren Last“ und meint allgemein gefaßt das Leiden und die Schinderei des Sklaven. Die romanischen Wörter „travail“, „trabajo“ etc. leiten sich von dem lateinischen „tripalium“ ab, einer Art Joch, das zur Folter und Bestrafung von Sklaven und anderen Unfreien eingesetzt wurde. In der deutschen Redeweise vom „Joch der Arbeit“ klingt noch eine Ahnung davon nach.

„Arbeit“ ist also auch dem Wortstamm nach kein Synonym fĂŒr selbstbestimmte menschliche TĂ€tigkeit, sondern verweist auf ein unglĂŒckliches soziales Schicksal. Es ist die TĂ€tigkeit derjenigen, die ihre Freiheit verloren haben. Die Ausdehnung der Arbeit auf alle Gesellschaftsmitglieder ist daher nichts als die Verallgemeinerung von knechtischer AbhĂ€ngigkeit und die moderne Anbetung der Arbeit bloß die quasi-religiöse Überhöhung dieses Zustandes.

Dieser Zusammenhang konnte erfolgreich verdrĂ€ngt und die soziale Zumutung verinnerlicht werden, weil die Verallgemeinerung der Arbeit mit ihrer „Versachlichung“ durch das moderne warenproduzierende System einherging: Die meisten Menschen stehen nicht mehr unter der Knute eines persönlichen Herrn. Die soziale AbhĂ€ngigkeit ist zu einem abstrakten Systemzusammenhang geworden – und gerade dadurch total. Sie ist ĂŒberall spĂŒrbar und gerade deshalb kaum zu fassen. Wo jeder zum Knecht geworden ist, ist jeder auch gleichzeitig Herr – als sein eigener SklavenhĂ€ndler und Aufseher. Und alle gehorchen dem unsichtbaren Systemgötzen, dem „Großen Bruder“ der Kapitalverwertung, der sie unter das „tripalium“ geschickt hat.

9. Die blutige Durchsetzungsgeschichte der Arbeit#

Die Geschichte der Moderne ist die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit, die auf dem ganzen Planeten eine breite Spur der VerwĂŒstung und des Grauens gezogen hat. Denn nicht immer war die Zumutung, den grĂ¶ĂŸten Teil der Lebensenergie fĂŒr einen fremdbestimmten Selbstzweck zu vergeuden, derart verinnerlicht wie heute. Es bedurfte mehrerer Jahrhunderte der offenen Gewalt im großen Maßstab, um die Menschen in den bedingungslosen Dienst des Arbeitsgötzen buchstĂ€blich hineinzufoltern.

Am Anfang stand nicht die angeblich „wohlfahrtssteigernde“ Ausdehnung der Marktbeziehungen, sondern der unersĂ€ttliche Geldhunger der absolutistischen Staatsapparate, um die frĂŒhmodernen MilitĂ€rmaschinen zu finanzieren. Nur durch das Interesse dieser Apparate, die erstmals in der Geschichte die ganze Gesellschaft in einen bĂŒrokratischen WĂŒrgegriff nahmen, beschleunigte sich die Entwicklung des stĂ€dtischen Kaufmanns- und Finanzkapitals ĂŒber die traditionellen Handelsbeziehungen hinaus. Erst auf diese Weise wurde das Geld zu einem zentralen gesellschaftlichen Motiv und das Abstraktum Arbeit zu einer zentralen gesellschaftlichen Anforderung ohne RĂŒcksicht auf die BedĂŒrfnisse.

Nicht freiwillig gingen die meisten Menschen zur Produktion fĂŒr anonyme MĂ€rkte und damit zur allgemeinen Geldwirtschaft ĂŒber, sondern weil der absolutistische Geldhunger die Steuern monetarisiert und gleichzeitig exorbitant erhöht hatte. Nicht fĂŒr sich selbst mußten sie „Geld verdienen“, sondern fĂŒr den militarisierten frĂŒhmodernen Feuerwaffen-Staat, seine Logistik und seine BĂŒrokratie. So und nicht anders ist der absurde Selbstzweck der Kapitalverwertung und damit der Arbeit in die Welt gekommen.

Bald genĂŒgten monetĂ€re Steuern und Abgaben nicht mehr. Die absolutistischen BĂŒrokraten und finanzkapitalistischen Verwalter machten sich daran, die Menschen direkt als das Material einer gesellschaftlichen Maschine fĂŒr die Verwandlung von Arbeit in Geld zwangsweise zu organisieren. Die traditionelle Lebens- und Existenzweise der Bevölkerung wurde zerstört; nicht weil diese Bevölkerung sich freiwillig und selbstbestimmt „weiterentwickelt“ hĂ€tte, sondern weil sie als Menschenmaterial der angeworfenen Verwertungsmaschine herhalten sollte. Die Menschen wurden mit Waffengewalt von ihren Feldern vertrieben, um der Schafzucht fĂŒr die Wollmanufakturen Platz zu machen. Alte Rechte wie das freie Jagen, Fischen und Holzsammeln in den WĂ€ldern wurden abgeschafft. Und wenn die verarmten Massen dann bettelnd und stehlend durch die Lande zogen, wurden sie in ArbeitshĂ€user und Manufakturen eingesperrt, um sie mit Arbeitsfoltermaschinen zu maltrĂ€tieren und ihnen ein Sklavenbewußtsein von gefĂŒgigen Arbeitstieren einzuprĂŒgeln.

Aber auch diese schubweise Verwandlung ihrer Untertanen in das Material des geldmachenden Arbeitsgötzen reichte den absolutistischen Monsterstaaten noch lange nicht. Sie dehnten ihren Anspruch auch auf andere Kontinente aus. Die innere Kolonisierung Europas ging einher mit der Ă€ußeren, zuerst in den beiden Amerika und in Teilen Afrikas. Hier ließen die Einpeitscher der Arbeit endgĂŒltig alle Hemmungen fallen. In bis dahin beispiellosen Raub-, Zerstörungs- und AusrottungsfeldzĂŒgen fielen sie ĂŒber die neu „entdeckten“ Welten her – galten doch die dortigen Opfer noch nicht einmal mehr als Menschen. Die menschenfressenden europĂ€ischen MĂ€chte der heraufdĂ€mmernden Arbeitsgesellschaft definierten die unterjochten fremden Kulturen als „Wilde“ und – Menschenfresser.

Damit war die Legitimation geschaffen, sie auszulöschen oder millionenfach zu versklaven. BuchstĂ€bliche Sklaverei in der kolonialen Plantagen- und Rohstoffwirtschaft, die in ihren Dimensionen noch die antike Sklavenhaltung ĂŒbertraf, gehört zu den GrĂŒndungsverbrechen des warenproduzierenden Systems. Hier wurde zum ersten Mal die „Vernichtung durch Arbeit“ im großen Stil betrieben. Das war die zweite Grundlegung der Arbeitsgesellschaft. An den „Wilden“ konnte der weiße Mann, der schon gezeichnet war von der Selbstdisziplinierung, seinen verdrĂ€ngten Selbsthaß und Minderwertigkeitskomplex austoben. Ähnlich wie „die Frau“ galten sie ihm als naturnahe und primitive Halbwesen zwischen Tier und Mensch. Immanuel Kant mutmaßte messerscharf, daß Paviane sprechen könnten, wenn sie nur wollten; sie tĂ€ten es nur deshalb nicht, weil sie sonst befĂŒrchten mĂŒĂŸten, zur Arbeit herangezogen zu werden.

Dieses groteske RĂ€sonnement wirft ein verrĂ€terisches Licht auf die AufklĂ€rung. Das repressive Arbeitsethos der Moderne, das sich in seiner ursprĂŒnglichen protestantischen Version auf die Gnade Gottes und seit der AufklĂ€rung auf das Naturgesetz berief, wurde als „zivilisatorische Mission“ maskiert. Kultur in diesem Sinne ist freiwillige Unterwerfung unter die Arbeit; und Arbeit ist mĂ€nnlich, weiß und „abendlĂ€ndisch“. Das Gegenteil, die nicht-menschliche, unförmige und kulturlose Natur, ist weiblich, farbig und „exotisch“, also dem Zwang auszusetzen. Mit einem Wort, der „Universalismus“ der Arbeitsgesellschaft ist schon von seiner Wurzel her durch und durch rassistisch. Das universelle Abstraktum Arbeit kann sich immer nur selbst definieren durch Abgrenzung von allem, was nicht in ihm aufgeht.

Es waren nicht die friedlichen Kaufleute der alten Handelswege, aus denen das moderne BĂŒrgertum hervorgegangen ist, das schließlich den Absolutismus beerbte. Es waren vielmehr die Condottieri der frĂŒhmodernen Söldnerhaufen, die Arbeits- und Zuchthausverwalter, PĂ€chter der Steuereintreibung, Sklavenaufseher und andere Halsabschneider, die den sozialen Mutterboden fĂŒr das moderne „Unternehmertum“ bildeten. Die bĂŒrgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten nichts mit sozialer Emanzipation zu tun; sie schichteten nur die MachtverhĂ€ltnisse innerhalb des entstandenen Zwangssystems um, lösten die Institutionen der Arbeitsgesellschaft von den veralteten dynastischen Interessen ab und trieben ihre Versachlichung und Entpersönlichung voran. Es war die glorreiche Französiche Revolution, die mit besonderem Pathos eine Pflicht zur Arbeit verkĂŒndete und in einem „Gesetz zur Beseitigung des Bettelwesens“ neue ArbeitszuchthĂ€user einfĂŒhrte.

Das war das genaue Gegenteil dessen, was die sozialrebellischen Bewegungen erstrebten, die am Rande der bĂŒrgerlichen Revolutionen aufflammten, ohne darin aufzugehen. Schon viel frĂŒher hatte es ganz eigenstĂ€ndige Formen des Widerstands und der Verweigerung gegeben, mit denen die offizielle Geschichtsschreibung der Arbeits- und Modernisierungsgesellschaft nichts anfangen kann. Die Produzenten der alten Agrargesellschaften, die sich auch mit den feudalen HerrschaftsverhĂ€ltnissen niemals völlig reibungslos abgefunden hatten, wollten sich erst recht nicht damit abfinden, zur „Arbeiterklasse“ eines ihnen Ă€ußerlichen Systemzusammenhangs gemacht zu werden. Von den Bauernkriegen des 15. und 16. Jahrhunderts bis zu den Erhebungen der spĂ€ter als „MaschinenstĂŒrmer“ denunzierten Bewegungen in England und dem Aufstand der schlesischen Weber von 1844 zieht sich eine einzige Kette von erbitterten WiderstandskĂ€mpfen gegen die Arbeit. Die Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft und ein bald offener, bald latenter BĂŒrgerkrieg waren ĂŒber Jahrhunderte hinweg ein und dasselbe.

Die alten agrarischen Gesellschaften waren alles andere als paradiesisch. Aber der ungeheure Zwang der hereinbrechenden Arbeitsgesellschaft wurde von der Mehrheit nur als Verschlechterung und als „Zeit der Verzweiflung“ erlebt. TatsĂ€chlich hatten die Menschen trotz aller Enge der VerhĂ€ltnisse noch etwas zu verlieren. Was im falschen Bewußtsein der modernen Welt als Finsternis und Plage eines erfundenen Mittelalters erscheint, waren in Wirklichkeit die Schrecken ihrer eigenen Geschichte. In den vor- und nichtkapitalistischen Kulturen innerhalb wie außerhalb Europas war die tĂ€gliche ebenso wie die jĂ€hrliche Zeit der ProduktionstĂ€tigkeit weitaus geringer als selbst heute noch fĂŒr die modernen „BeschĂ€ftigten“ in Fabrik und BĂŒro. Und diese Produktion war bei weitem nicht derart verdichtet wie in der Arbeitsgesellschaft, sondern durchsetzt von einer ausgeprĂ€gten Kultur der Muße und der relativen „Langsamkeit“. Von Naturkatastrophen abgesehen waren die materiellen GrundbedĂŒrfnisse fĂŒr die meisten weitaus besser gesichert als ĂŒber weite Strecken der Modernisierungsgeschichte – und auch besser als in den Horror-Slums der heutigen Krisenwelt. Auch die Herrschaft ging nicht derart bis auf die Haut wie in der durchbĂŒrokratisierten Arbeitsgesellschaft.

Deshalb konnte der Widerstand gegen die Arbeit nur militĂ€risch gebrochen werden. Bis heute heucheln sich die Ideologen der Arbeitsgesellschaft darĂŒber hinweg, daß die Kultur der vormodernen Produzenten nicht „entwickelt“, sondern in ihrem Blut erstickt wurde. Die abgeklĂ€rten Arbeits-Demokraten von heute lasten all diese Ungeheuerlichkeiten am liebsten den „vordemokratischen ZustĂ€nden“ einer Vergangenheit an, mit der sie nichts mehr zu tun hĂ€tten. Sie wollen nicht wahrhaben, daß die terroristische Urgeschichte der Moderne verrĂ€terisch das Wesen auch der heutigen Arbeitsgesellschaft enthĂŒllt. Die bĂŒrokratische Arbeitsverwaltung und staatliche Menschenerfassung in den industriellen Demokratien konnte ihre absolutistischen und kolonialen UrsprĂŒnge niemals verleugnen. In der Form der Versachlichung zu einem unpersönlichen Systemzusammenhang ist die repressive Menschenverwaltung im Namen des Arbeitsgötzen sogar noch angewachsen und hat alle Lebensbereiche durchdrungen. Gerade heute wird in der Agonie der Arbeit der eiserne bĂŒrokratische Griff wieder fĂŒhlbar wie in der FrĂŒhzeit der Arbeitsgesellschaft. Die Arbeitsverwaltung enthĂŒllt sich als das Zwangssystem, das sie immer gewesen ist, indem sie die soziale Apartheid organisiert und die Krise durch demokratische Staatssklaverei vergeblich zu bannen sucht. Ähnlich kehrt der koloniale Ungeist wieder in der ökonomischen Zwangsverwaltung der bereits reihenweise ruinierten LĂ€nder in der Peripherie durch den Internationalen WĂ€hrungsfonds. Nach dem Tod ihres Götzen besinnt sich die Arbeitsgesellschaft in jeder Hinsicht auf die Methoden ihrer GrĂŒndungsverbrechen, die sie dennoch nicht retten können.

Der Barbar ist faul, und unterscheidet sich vom Gebildeten dadurch, daß er in der Stumpfheit vor sich hin brĂŒtet, denn die praktische Bildung besteht eben in der Gewohnheit und in dem BedĂŒrfen der BeschĂ€ftigung. (Georg W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821)

Im Grunde fĂŒhlt man jetzt [
], daß eine solche Arbeit die beste Polizei ist, daß sie jeden im Zaume hĂ€lt und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des UnabhĂ€ngigkeitsgelĂŒstes krĂ€ftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, GrĂŒbeln, TrĂ€umen, Sorgen, Lieben, Hassen. (Friedrich Nietzsche, Die Lobredner der Arbeit, 1881)

10. Die Arbeiterbewegung war eine Bewegung fĂŒr die Arbeit#

Die klassische Arbeiterbewegung, die erst lange nach dem Untergang der alten Sozialrevolten ihren Aufstieg erlebte, kĂ€mpfte nicht mehr gegen die Zumutung der Arbeit, sondern entwickelte geradezu eine Überidentifikation mit dem scheinbar Unausweichlichen. Ihr ging es nur noch um „Rechte“ und Verbesserungen innerhalb der Arbeitsgesellschaft, deren ZwĂ€nge sie schon weitgehend verinnerlicht hatte. Statt die Verwandlung menschlicher Energie in Geld als irrationalen Selbstzweck radikal zu kritisieren, nahm sie selber den „Standpunkt der Arbeit“ ein und begriff die Verwertung als positiven, neutralen Tatbestand.

So trat die Arbeiterbewegung auf ihre Weise das Erbe von Absolutismus, Protestantismus und bĂŒrgerlicher AufklĂ€rung an. Aus dem UnglĂŒck der Arbeit wurde der falsche Stolz der Arbeit, der die eigene Domestizierung zum Menschenmaterial des modernen Götzen in ein „Menschenrecht“ umdefinierte. Die domestizierten Heloten der Arbeit drehten gewissermaßen den Spieß ideologisch um und entwickelten einen missionarischen Eifer, einerseits das „Recht auf Arbeit“ einzuklagen und andererseits die „Arbeitspflicht fĂŒr alle“ zu fordern. Das BĂŒrgertum wurde nicht als FunktionstrĂ€ger der Arbeitsgesellschaft bekĂ€mpft, sondern im Gegenteil gerade im Namen der Arbeit als parasitĂ€r beschimpft. Ausnahmslos alle Gesellschaftsmitglieder sollten in die „Armeen der Arbeit“ zwangsrekrutiert werden.

Die Arbeiterbewegung wurde so selber zu einem Schrittmacher der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Sie war es, die gegen die bornierten bĂŒrgerlichen FunktionstrĂ€ger des 19. und frĂŒhen 20. Jahrhunderts im Entwicklungsprozeß der Arbeit die letzten Stufen der Versachlichung durchsetzte; ganz Ă€hnlich, wie ein Jahrhundert zuvor das BĂŒrgertum den Absolutismus beerbt hatte. Das war nur möglich, weil die Arbeiterparteien und Gewerkschaften sich im Zuge ihrer Arbeitsvergottung auch positiv auf den Staatsapparat und die Institutionen der repressiven Arbeitsverwaltung bezogen, die sie nicht abschaffen, sondern selber in einer Art „Marsch durch die Institutionen“ besetzen wollten. Damit ĂŒbernahmen sie ebenso wie vorher das BĂŒrgertum die bĂŒrokratische Tradition arbeitsgesellschaftlicher Menschenverwaltung seit dem Absolutismus.

Die Ideologie einer sozialen Verallgemeinerung der Arbeit erforderte allerdings auch ein neues politisches VerhĂ€ltnis. An die Stelle der stĂ€ndischen Gliederung mit unterschiedlichen politischen „Rechten“ (z.B. Wahlrecht nach Steuerklassen) in der erst halb durchgesetzten Arbeitsgesellschaft mußte die allgemeine demokratische Gleichheit des vollendeten „Arbeitsstaats“ treten. Und die UngleichmĂ€ĂŸigkeiten im Lauf der Verwertungsmaschine, sobald sie das gesamte gesellschaftliche Leben bestimmte, mußten „sozialstaatlich“ ausgeglichen werden. Auch dafĂŒr lieferte die Arbeiterbewegung das Paradigma. Unter dem Namen „Sozialdemokratie“ wurde sie zur grĂ¶ĂŸten „BĂŒrgerbewegung“ in der Geschichte, die doch nichts weiter sein konnte als eine selbst gestellte Falle. Denn in der Demokratie wird alles verhandelbar, nur nicht die ZwĂ€nge der Arbeitsgesellschaft, die vielmehr axiomatisch vorausgesetzt sind. Was zur Debatte steht, können allein die ModalitĂ€ten und Verlaufsformen dieser ZwĂ€nge sein. Es gibt immer nur die Wahl zwischen Omo und Persil, zwischen Pest und Cholera, zwischen Frechheit und Dummheit, zwischen Kohl und Schröder.

Die arbeitsgesellschaftliche Demokratie ist das perfideste Herrschaftssystem der Geschichte – ein System der SelbstunterdrĂŒckung. Deshalb organisiert diese Demokratie auch niemals die freie Selbstbestimmung der Gesellschaftsmitglieder ĂŒber die gemeinsamen Ressourcen, sondern stets nur die Rechtsform der sozial voneinander getrennten Arbeitsmonaden, die konkurrierend ihre Haut auf die ArbeitsmĂ€rkte tragen mĂŒssen. Demokratie ist das Gegenteil von Freiheit. Und so zerfallen die demokratischen Arbeitsmenschen notwendigerweise in Verwalter und Verwaltete, Unternehmer und Unternommene, Funktionseliten und Menschenmaterial. Die politischen Parteien, gerade auch die Arbeiterparteien, spiegeln dieses VerhĂ€ltnis in ihrer eigenen Struktur getreulich wieder. FĂŒhrer und GefĂŒhrte, Promis und Fußvolk, Seilschaften und MitlĂ€ufer verweisen auf ein VerhĂ€ltnis, das nichts mit einer offenen Debatte und Entscheidungsfindung zu tun hat. Es ist integraler Bestandteil dieser Systemlogik, daß die Eliten selber nur unselbstĂ€ndige FunktionĂ€re des Arbeitsgötzen und seiner blinden RatschlĂŒsse sein können.

SpĂ€testens seit den Nazis sind alle Parteien Arbeiterparteien und gleichzeitig Parteien des Kapitals. In den „Entwicklungsgesellschaften“ des Ostens und SĂŒdens mutierte die Arbeiterbewegung zur staatsterroristischen Partei der nachholenden Modernisierung; im Westen zu einem System von „Volksparteien“ mit auswechselbaren Programmen und medialen ReprĂ€sentationsfiguren. Der Klassenkampf ist zu Ende, weil die Arbeitsgesellschaft am Ende ist. Die Klassen erweisen sich als soziale Funktionskategorien eines gemeinsamen Fetischsystems in demselben Maße, wie dieses System abstirbt. Wenn Sozialdemokratie, GrĂŒne und Ex-Kommunisten sich in der Krisenverwaltung hervortun und besonders niedertrĂ€chtige Repressionsprogramme entwerfen, dann erweisen sie sich damit nur als legitime Erben einer Arbeiterbewegung, die nie etwas anderes wollte als Arbeit um jeden Preis.

Die Arbeit muß das Szepter fĂŒhren, Knecht soll nur sein, wer mĂŒĂŸig geht, Die Arbeit muß die Welt regieren, Weil nur durch sie die Welt besteht. (Friedrich Stampfer, Der Arbeit Ehre, 1903)

11. Die Krise der Arbeit#

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte es fĂŒr einen kurzen historischen Augenblick so scheinen, als hĂ€tte sich die Arbeitsgesellschaft in den fordistischen Industrien zu einem System „immerwĂ€hrender ProsperitĂ€t“ konsolidiert, in dem die UnertrĂ€glichkeit des zwanghaften Selbstzwecks durch Massenkonsum und Sozialstaat dauerhaft zu befrieden wĂ€re. Abgesehen davon, daß diese Vorstellung schon immer eine demokratische Heloten-Idee war, die sich nur auf eine kleine Minderheit der Weltbevölkerung bezog, mußte sie sich auch in den Zentren blamieren. Mit der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik stĂ¶ĂŸt die Arbeitsgesellschaft an ihre absolute historische Schranke.

Daß diese Schranke frĂŒher oder spĂ€ter erreicht werden mußte, war logisch vorhersehbar. Denn das warenproduzierende System leidet von Geburt an unter einem unheilbaren Selbstwiderspruch. Einerseits lebt es davon, massenhaft menschliche Energie durch Verausgabung von Arbeitskraft in seine Maschinerie aufzusaugen, je mehr desto besser. Andererseits aber erzwingt das Gesetz der betriebswirtschaftlichen Konkurrenz eine permanente Steigerung der ProduktivitĂ€t, in der menschliche Arbeitskraft durch verwissenschaftlichtes Sachkapital ersetzt wird.

Dieser Selbstwiderspruch war schon die tiefere Ursache aller frĂŒheren Krisen, darunter der verheerenden Weltwirtschaftskrise von 1929-33. Die Krisen konnten jedoch durch einen Mechanismus der Kompensation immer wieder ĂŒberwunden werden: Auf dem jeweils höheren Niveau der ProduktivitĂ€t wurde nach einer gewissen Inkubationszeit durch Ausdehnung der MĂ€rkte auf neue KĂ€uferschichten absolut mehr Arbeit wieder eingesaugt, als vorher wegrationalisiert worden war. Der Aufwand an Arbeitskraft pro Produkt verminderte sich, aber es wurden absolut mehr Produkte in einem Ausmaß hergestellt, daß diese Verminderung ĂŒberkompensiert werden konnte. Solange also die Produkt-Innovationen die Prozeß-Innovationen ĂŒberstiegen, konnte der Selbstwiderspruch des Systems in eine Expansionsbewegung ĂŒbersetzt werden.

Das herausragende historische Beispiel ist das Auto: Durch das Fließband und andere Techniken der „arbeitswissenschaftlichen“ Rationalisierung (zuerst in Henry Fords Autofabrik in Detroit) verminderte sich die Arbeitszeit pro Auto auf einen Bruchteil. Gleichzeitig wurde die Arbeit aber ungeheuer verdichtet, also das Menschenmaterial in derselben Zeit um ein Vielfaches ausgesaugt. Vor allem konnte das Auto, bis dahin ein Luxusprodukt fĂŒr die oberen Zehntausend, durch die damit einhergehende Verbilligung in den Massenkonsum einbezogen werden.

Auf diese Weise wurde der unersĂ€ttliche Appetit des Arbeitsgötzen nach menschlicher Energie trotz rationalisierter Fließfertigung in der zweiten industriellen Revolution des „Fordismus“ auf höherem Niveau befriedigt. Gleichzeitig ist das Auto ein zentrales Beispiel fĂŒr den destruktiven Charakter der hochentwickelten arbeitsgesellschaftlichen Produktions- und Konsumtionsweise. Im Interesse der Massenproduktion von Autos und des massenhaften Individualverkehrs wird die Landschaft zubetoniert und verhĂ€ĂŸlicht, die Umwelt verpestet und achselzuckend in Kauf genommen, daß auf den Straßen der Welt jahraus, jahrein der unerklĂ€rte 3. Weltkrieg tobt mit Millionen von Toten und VerstĂŒmmelten.

In der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik erlischt der bisherige Mechanismus der Kompensation durch Expansion. Zwar werden natĂŒrlich auch durch die Mikroelektronik viele Produkte verbilligt und neue kreiert (vor allem im Bereich der Medien). Aber erstmals ĂŒbersteigt das Tempo der Prozeß-Innovation das Tempo der Produkt-Innovation. Erstmals wird mehr Arbeit wegrationalisiert als durch Ausdehnung der MĂ€rkte reabsorbiert werden kann. In logischer Fortsetzung der Rationalisierung ersetzt elektronische Robotik menschliche Energie oder die neuen Kommunikationstechnologien machen Arbeit ĂŒberflĂŒssig. Ganze Sektoren und Ebenen der Konstruktion, der Produktion, des Marketings, der Lagerhaltung, des Vertriebs und selbst des Managements brechen weg. Erstmals setzt der Arbeitsgötze sich unfreiwillig selber auf dauerhafte Hungerration. Damit fĂŒhrt er seinen eigenen Tod herbei.

Da es sich bei der demokratischen Arbeitsgesellschaft um ein ausgereiftes, auf sich selbst rĂŒckgekoppeltes Selbstzwecksystem der Verausgabung von Arbeitskraft handelt, ist innerhalb seiner Formen ein Umschalten auf allgemeine ArbeitszeitverkĂŒrzung nicht möglich. Die betriebswirtschaftliche RationalitĂ€t verlangt, daß einerseits immer grĂ¶ĂŸere Massen dauerhaft „arbeitslos“ und damit von der systemimmanenten Reproduktion ihres Lebens abgeschnitten werden, wĂ€hrend andererseits die stetig schrumpfende Anzahl der „BeschĂ€ftigten“ einer umso grĂ¶ĂŸeren Arbeits- und Leistungshetze unterworfen wird. Mitten im Reichtum kehren Armut und Hunger selbst in den kapitalistischen Zentren zurĂŒck, intakte Produktionsmittel und Anbaufelder liegen massenhaft brach, Wohnungen und öffentliche GebĂ€ude stehen massenhaft leer, wĂ€hrend die Obdachlosigkeit unaufhaltsam steigt.

Kapitalismus wird zu einer globalen Minderheitsveranstaltung. In seiner Not ist der sterbende Arbeitsgötze autokannibalistisch geworden. Auf der Suche nach verbliebener Arbeitsnahrung sprengt das Kapital die Grenzen der Nationalökonomie und globalisiert sich in einer nomadischen VerdrĂ€ngungskonkurrenz. Ganze Weltregionen werden von den globalen Kapital- und WarenflĂŒssen abgeschnitten. Mit einer historisch beispiellosen Welle von Fusionen und „unfreundlichen Übernahmen“ rĂŒsten sich die Konzerne fĂŒr das letzte Gefecht der Betriebswirtschaft. Die desorganisierten Staaten und Nationen implodieren, die von der Überlebenskonkurrenz in den Wahnsinn getriebenen Bevölkerungen fallen in ethnischen Bandenkriegen ĂŒbereinander her.

Das moralische Grundprinzip ist das Recht des Menschen auf seine Arbeit. [
] FĂŒr mein GefĂŒhl gibt es nichts Abscheulicheres als ein mĂŒĂŸiges Leben. Keiner von uns hat ein Recht darauf. Die Zivilisation hat keinen Platz fĂŒr MĂŒĂŸiggĂ€nger. (Henry Ford)

Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, wĂ€hrend es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. [
] Nach der einen Seite hin ruft es also alle MĂ€chte der Wissenschaft und der Natur wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums (relativ) unabhĂ€ngig zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen GesellschaftskrĂ€fte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten. (Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857/58)

12. Das Ende der Politik#

Notwendigerweise zieht die Krise der Arbeit die Krise des Staates und damit der Politik nach sich. GrundsĂ€tzlich verdankt der moderne Staat seine Karriere der Tatsache, daß das warenproduzierende System eine ĂŒbergeordnete Instanz benötigt, die den Rahmen der Konkurrenz, die allgemeinen Rechtsgrundlagen und Voraussetzungen der Verwertung garantiert – unter Einschluß der Repressionsapparate fĂŒr den Fall, daß das Menschenmaterial einmal systemwidrig unbotmĂ€ĂŸig werden sollte. In seiner massendemokratisch ausgereiften Form mußte der Staat im 20. Jahrhundert auch zunehmend sozialökonomische Aufgaben ĂŒbernehmen: Nicht nur das soziale Netz gehört dazu, sondern auch das Bildungs- und Gesundheitswesen, Verkehrs- und Kommunikationsnetze, Infrastrukturen aller Art, die fĂŒr das Funktionieren der industriell entwickelten Arbeitsgesellschaft unerlĂ€ĂŸlich geworden sind, aber nicht selber als betriebswirtschaftlicher Verwertungsprozeß organisiert werden können. Denn diese Infrastrukturen mĂŒssen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft dauerhaft und flĂ€chendeckend zur VerfĂŒgung stehen, können also nicht den Marktkonjunkturen von Angebot und Nachfrage folgen.

Da der Staat aber keine selbstĂ€ndige Verwertungseinheit ist und somit nicht selber Arbeit in Geld verwandeln kann, muß er Geld aus dem realen Verwertungsprozeß abschöpfen, um seine Aufgaben zu finanzieren. Versiegt die Verwertung, so versiegen auch die Staatsfinanzen. Der vermeintliche gesellschaftliche SouverĂ€n erweist sich als völlig unselbstĂ€ndig gegenĂŒber der blinden, fetischisierten Ökonomie der Arbeitsgesellschaft. Er mag Gesetze beschließen, so viel er will; wenn die ProduktivkrĂ€fte ĂŒber das System der Arbeit hinauswachsen, lĂ€uft das positive staatliche Recht ins Leere, das sich immer nur auf Subjekte der Arbeit beziehen kann.

Mit stetig wachsender Massenarbeitslosigkeit vertrocknen die Staatseinnahmen aus der Besteuerung von Arbeitseinkommen. Die sozialen Netze reißen, sobald eine kritische Masse von „ÜberflĂŒssigen“ erreicht wird, die nur noch durch Umverteilung von anderen Geldeinkommen kapitalistisch ernĂ€hrt werden können. Mit dem rapiden Konzentrationsprozeß des Kapitals in der Krise, der ĂŒber die nationalökonomischen Grenzen hinausgreift, brechen auch die Staatseinnahmen aus der Besteuerung von Unternehmensgewinnen weg. Die transnationalen Konzerne zwingen die um Investitionen konkurrierenden Staaten zum Steuerdumping, Sozialdumping und Ökodumping.

Genau diese Entwicklung ist es, die den demokratischen Staat zum reinen Krisenverwalter mutieren lĂ€ĂŸt. Je mehr er sich dem finanziellen Notstand nĂ€hert, desto mehr reduziert er sich auf seinen repressiven Kern. Die Infrastrukturen werden zurĂŒckgefahren auf die BedĂŒrfnisse des transnationalen Kapitals. Wie ehemals in den kolonialen Gebieten beschrĂ€nkt sich die gesellschaftliche Logistik zunehmend auf wenige ökonomische Zentren, wĂ€hrend der Rest verödet. Was sich privatisieren lĂ€ĂŸt, wird privatisiert, auch wenn damit immer mehr Menschen von den elementarsten Versorgungsleistungen ausgeschlossen bleiben. Wo die Kapitalverwertung sich auf immer weniger Weltmarktinseln konzentriert, kommt es auf eine flĂ€chendeckende Versorgung der Bevölkerung nicht mehr an.

Soweit es nicht die unmittelbar wirtschaftsrelevanten Bereiche betrifft, ist es uninteressant, ob ZĂŒge fahren und Briefe ankommen. Die Bildung wird zum Privileg der Globalisierungsgewinnler. Die geistige, kĂŒnstlerische und theoretische Kultur wird auf das Kriterium der MarktgĂ€ngigkeit verwiesen und stirbt ab. Das Gesundheitswesen wird unfinanzierbar und zerfĂ€llt in ein Klassensystem. Zuerst schleichend und klammheimlich, dann in aller Offenheit gilt das Gesetz der sozialen Euthanasie: Weil du arm und â€žĂŒberflĂŒssig“ bist, mußt du frĂŒher sterben.

WĂ€hrend alle Kenntnisse, FĂ€higkeiten und Mittel der Medizin, der Bildung, der Kultur, der allgemeinen Infrastruktur ĂŒberreichlich zur VerfĂŒgung stehen, werden sie nach dem zum „Finanzierungsvorbehalt“ objektivierten irrationalen Gesetz der Arbeitsgesellschaft unter Verschluß gehalten, demobilisiert und verschrottet – genau wie die industriellen und agrarischen Produktionsmittel, die nicht mehr „rentabel“ darstellbar sind. Außer der repressiven Arbeitssimulation durch Formen der Zwangs- und Billigarbeit und dem Abbau aller Leistungen hat der zum Apartheid-System transformierte demokratische Staat seinen Ex-ArbeitsbĂŒrgern nichts mehr zu bieten. In einem weiter fortgeschrittenen Stadium zerfĂ€llt die Staatsverwaltung ĂŒberhaupt. Die Staatsapparate verwildern zu einer korrupten Kleptokratie, das MilitĂ€r zu Mafia-Kriegsbanden, die Polizei zu Wegelagerern.

Diese Entwicklung kann durch keine Politik der Welt mehr aufgehalten oder gar rĂŒckgĂ€ngig gemacht werden. Denn Politik ist ihrem Wesen nach staatsbezogenes Handeln, das unter den Bedingungen der Entstaatlichung gegenstandslos wird. Die linksdemokratische Formel von der „politischen Gestaltung“ der VerhĂ€ltnisse blamiert sich von Tag zu Tag mehr. Außer endloser Repression, Abbau der Zivilisation und Hilfestellung fĂŒr den „Terror der Ökonomie“ gibt es nichts mehr zu „gestalten“. Da der arbeitsgesellschaftliche Selbstzweck der politischen Demokratie axiomatisch vorausgesetzt ist, kann es fĂŒr die Krise der Arbeit auch keine politisch-demokratische Regulation geben. Das Ende der Arbeit wird zum Ende der Politik.

13. Die kasinokapitalistische Simulation der Arbeitsgesellschaft#

Das herrschende gesellschaftliche Bewußtsein lĂŒgt sich systematisch ĂŒber den wahren Zustand der Arbeitsgesellschaft hinweg. Die Zusammenbruchsregionen werden ideologisch exkommuniziert, die Arbeitsmarktstatistiken hemmungslos gefĂ€lscht, die Formen der Verelendung medial wegsimuliert. Simulation ist ĂŒberhaupt das zentrale Merkmal des Krisenkapitalismus. Das gilt auch fĂŒr die Ökonomie selbst. Wenn es zumindest in den westlichen KernlĂ€ndern bis jetzt so erscheint, als könnte das Kapital auch ohne Arbeit akkumulieren und die reine Form des Geldes substanzlos aus sich heraus die weitere Verwertung des Werts garantieren, so ist dieser Schein einem Simulationsprozeß der FinanzmĂ€rkte geschuldet. Spiegelbildlich zur Simulation der Arbeit durch Zwangsmaßnahmen der demokratischen Arbeitsverwaltung hat sich eine Simulation der Kapitalverwertung durch die spekulative Entkoppelung des Kreditsystems und der AktienmĂ€rkte von der Realökonomie herausgebildet.

Die Vernutzung gegenwĂ€rtiger Arbeit wird ersetzt durch den Zugriff auf die Vernutzung zukĂŒnftiger Arbeit, die nie mehr stattfinden wird. Es handelt sich gewissermaßen um eine Kapitalakkumulation in einem fiktiven „Futur II“. Das Geldkapital, das nicht mehr rentabel in die Realökonomie reinvestiert werden und daher keine Arbeit mehr ansaugen kann, muß verstĂ€rkt in die FinanzmĂ€rkte ausweichen.

Schon der fordistische Schub der Verwertung in den Zeiten des „Wirtschaftswunders“ nach dem Zweiten Weltkrieg war kein vollstĂ€ndig selbsttragender mehr. Weit ĂŒber seine Steuereinnahmen hinaus nahm der Staat in einem bis dahin ungekannten Ausmaß Kredite auf, weil die Rahmenbedingungen der Arbeitsgesellschaft anders nicht mehr finanzierbar waren. Der Staat verpfĂ€ndete also seine zukĂŒnftigen reellen Einnahmen. Auf diese Weise entstand einerseits fĂŒr â€žĂŒberschĂŒssiges“ Geldkapital eine finanzkapitalistische Anlagemöglichkeit – es wurde dem Staat gegen Zinsen geliehen. Dieser beglich die Zinsen aus neuen Krediten und schleuste das geliehene Geld umgehend wieder in den ökonomischen Kreislauf zurĂŒck. Er finanzierte also damit andererseits Sozialausgaben und Infrastruktur-Investitionen und schuf so eine im kapitalistischen Sinne kĂŒnstliche, weil durch keinerlei produktive Arbeitsverausgabung gedeckte Nachfrage. Der fordistische Boom wurde so ĂŒber seine eigentliche Reichweite hinaus verlĂ€ngert, indem die Arbeitsgesellschaft ihre eigene Zukunft anzapfte.

Dieses simulative Moment schon des scheinbar noch intakten Verwertungsprozesses fand seine Grenzen zusammen mit der Staatsverschuldung. Die staatlichen „Schuldenkrisen“ nicht nur in der 3. Welt, sondern auch in den Zentren ließen eine weitere Expansion auf diesem Wege nicht mehr zu. Das war die objektive Grundlage fĂŒr den Siegeszug der neoliberalen Deregulierung, die laut Ideologie mit einer drastischen Senkung der Staatsquote am Sozialprodukt einhergehen sollte. In Wirklichkeit werden Deregulierung und Abbau der Staatsaufgaben kompensiert durch die Kosten der Krise, und sei es in Form der staatlichen Repressions- und Simulationskosten. In vielen Staaten steigt die Staatsquote auf diese Weise sogar noch an.

Aber die weitere Akkumulation des Kapitals ist durch die Staatsverschuldung nicht mehr zu simulieren. Deshalb verlagerte sich seit den 80er Jahren die zusĂ€tzliche Kreation des fiktiven Kapitals auf die AktienmĂ€rkte. Dort geht es lĂ€ngst nicht mehr um die Dividende, den Gewinnanteil an der realen Produktion, sondern nur noch um den Kursgewinn, die spekulative Wertsteigerung der Eigentumstitel bis in astronomische GrĂ¶ĂŸenordnungen. Das VerhĂ€ltnis von Realökonomie und spekulativer Finanzmarktbewegung hat sich auf den Kopf gestellt. Die spekulative Kurssteigerung nimmt nicht mehr die realökonomische Expansion vorweg, sondern umgekehrt simuliert die Hausse fiktiver Wertschöpfung eine Realakkumulation, die es schon gar nicht mehr gibt.

Der Arbeitsgötze ist klinisch tot, aber er wird kĂŒnstlich beatmet durch die scheinbar verselbstĂ€ndigte Expansion der FinanzmĂ€rkte. Industrielle Unternehmen machen Gewinne, die gar nicht mehr aus der lĂ€ngst zum VerlustgeschĂ€ft gewordenen Produktion und dem Verkauf von realen GĂŒtern stammen, sondern aus der Beteiligung einer „cleveren“ Finanzabteilung an der Aktien- und Devisenspekulation. Öffentliche Haushalte weisen Einnahmen aus, die gar nicht mehr durch Steuern oder Kreditaufnahme zustande kommen, sondern durch eifriges Mitgehen der Finanzverwaltung an den ZockermĂ€rkten. Und private Haushalte, deren reelle Einnahmen aus Löhnen und GehĂ€ltern dramatisch zurĂŒckgehen, leisten sich ein weiterhin hohes Konsumniveau, indem sie Aktiengewinne beleihen. Es entsteht also eine neue Form von kĂŒnstlicher Nachfrage, die dann wiederum reale Produktion und reale staatliche Steuereinnahmen „ohne Boden unter den FĂŒĂŸen“ nach sich zieht.

Auf diese Weise wird die Weltwirtschaftskrise durch den spekulativen Prozeß hinausgeschoben. Aber da die fiktive Wertsteigerung der Eigentumstitel nur die Vorwegnahme zukĂŒnftiger realer Arbeitsvernutzung (in einem entsprechend astronomischen Ausmaß) sein kann, die nie mehr kommen wird, muß der objektivierte Schwindel nach einer gewissen Inkubationszeit auffliegen. Der Zusammenbruch der „emerging markets“ in Asien, Lateinamerika und Osteuropa hat einen ersten Vorgeschmack geliefert. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die FinanzmĂ€rkte der kapitalistischen Zentren in den USA, der EU und Japan kollabieren.

Dieser Zusammenhang wird im arbeitsgesellschaftlichen Fetisch-Bewußtsein und gerade auch bei den herkömmlichen linken und rechten „Kapitalismuskritikern“ völlig verzerrt wahrgenommen. Fixiert auf das zur ĂŒberhistorischen und positiven Existenzbedingung geadelte Phantom der Arbeit verwechseln sie systematisch Ursache und Wirkung. Der vorĂŒbergehende Krisenaufschub durch die spekulative Expansion der FinanzmĂ€rkte erscheint dann genau umgekehrt als vermeintliche Ursache der Krise. Die „bösen Spekulanten“, so heißt es mehr oder weniger panisch, wĂŒrden die ganze schöne Arbeitsgesellschaft kaputtmachen, weil sie das „gute Geld“, von dem „genug da“ sei, aus Jux und Tollerei verzocken, statt es brav und solide in wunderbare „ArbeitsplĂ€tze“ zu investieren, auf daß eine arbeitswahnsinnige Heloten-Menschheit weiterhin „vollbeschĂ€ftigt“ sein könne.

Es will in diese Köpfe einfach nicht hinein, daß keineswegs die Spekulation die Realinvestitionen zum Stehen gebracht hat, sondern diese schon durch die 3. industrielle Revolution unrentabel geworden sind und das spekulative Abheben nur ein Symptom dafĂŒr sein kann. Das Geld, das da in scheinbar unerschöpflicher Menge zirkuliert, ist selbst im kapitalistischen Sinne lĂ€ngst kein „gutes“ mehr, sondern bloß noch „heiße Luft“, mit der die spekulative Blase aufgetrieben wurde. Jeder Versuch, diese Blase durch Projekte einer wie auch immer gearteten Besteuerung anzupieksen („Tobinsteuer“ usw.), um das Geldkapital wieder auf die vermeintlich „richtigen“ und realen arbeitsgesellschaftlichen MĂŒhlen zu lenken, könnte nur mit dem umso schnelleren Platzen der Blase enden.

Statt zu begreifen, daß wir alle unaufhaltsam unrentabel werden und deshalb das Kriterium der RentabilitĂ€t selber samt seinen arbeitsgesellschaftlichen Grundlagen als obsolet anzugreifen ist, dĂ€monisiert man lieber „die Spekulanten“ – dieses billige Feindbild pflegen einhellig Rechtsradikale und Autonome, biedere GewerkschaftsfunktionĂ€re und keynesianische Nostalgiker, Sozialtheologen und Talkmaster, ĂŒberhaupt alle Apostel der „ehrlichen Arbeit“. Die wenigsten sind sich bewußt, daß es von da bis zur Remobilisierung des antisemitischen Wahns nur noch ein kleiner Schritt ist. Das „schaffende“ nationalblĂŒtige Realkapital gegen das „raffende“ international-„jĂŒdische“ Geldkapital zu beschwören, droht das letzte Wort der geistig verwahrlosten Arbeitsplatz-Linken zu werden. Das letzte Wort der von Haus aus rassistischen, antisemitischen und antiamerikanischen Arbeitsplatz-Rechten ist es sowieso.

Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. [
] Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhĂ€lt selbst die Form der NotdĂŒrftigkeit und GegensĂ€tzlichkeit abgestreift. (Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 1857/58)

14. Arbeit lĂ€ĂŸt sich nicht umdefinieren#

Nach Jahrhunderten der Zurichtung kann sich der moderne Mensch ein Leben jenseits der Arbeit schlechterdings nicht mehr vorstellen. Als imperiales Prinzip beherrscht die Arbeit nicht nur die SphĂ€re der Ökonomie im engeren Sinne, sondern durchdringt das gesamte soziale Dasein bis in die Poren des Alltags und der privaten Existenz. Die „Freizeit“, schon dem Wortsinne nach ein GefĂ€ngnisbegriff, dient lĂ€ngst selber dazu, Waren „aufzuarbeiten“, um so fĂŒr den nötigen Absatz zu sorgen.

Aber sogar jenseits der verinnerlichten Pflicht zum Warenkonsum als Selbstzweck legt sich der Schatten der Arbeit auch außerhalb von BĂŒro und Fabrik auf das moderne Individuum. Sobald es sich aus dem Fernsehsessel erhebt und aktiv wird, verwandelt sich jedes Tun sofort in ein arbeitsĂ€hnliches. Der Jogger ersetzt die Stechuhr durch die Stoppuhr, im chromblanken Fitneßstudio erlebt die TretmĂŒhle ihre postmoderne Wiedergeburt und die Urlauber schrubben in ihrem Auto Kilometer herunter, als mĂŒĂŸten sie die Jahresleistung eines Fernfahrers erbringen. Selbst noch das Vögeln orientiert sich an DIN-Normen der Sexualforschung und an KonkurrenzmaßstĂ€ben der Talk-Show-Prahlereien.

Erlebte König Midas es immerhin noch als Fluch, daß alles, was er berĂŒhrte, sich in Gold verwandelte, so ist sein moderner Leidensgenosse ĂŒber dieses Stadium bereits hinaus. Der Arbeitsmensch merkt nicht einmal mehr, daß durch die Angleichung an das Muster der Arbeit jedes Tun seine besondere sinnliche QualitĂ€t verliert und gleichgĂŒltig wird. Im Gegenteil: nur durch diese Angleichung an die GleichgĂŒltigkeit der Warenwelt mißt er einer TĂ€tigkeit ĂŒberhaupt erst Sinn, Berechtigung und soziale Bedeutung zu. Mit einem GefĂŒhl wie Trauer etwa kann das Arbeitssubjekt nicht viel anfangen; die Verwandlung von Trauer in „Trauerarbeit“ indes macht diesen emotionalen Fremdkörper zu einer bekannten GrĂ¶ĂŸe, ĂŒber die man sich mit seinesgleichen austauschen kann. Selbst noch das TrĂ€umen wird so zur „Traumarbeit“, die Auseinandersetzung mit einem geliebten Menschen zur „Beziehungsarbeit“ und der Umgang mit Kindern zur „Erziehungsarbeit“ entwirklicht und vergleichgĂŒltigt. Wo immer der moderne Mensch auf der Ernsthaftigkeit seines Tuns beharren will, hat er auch schon das Wort „Arbeit“ auf den Lippen.

Der Imperialismus der Arbeit schlĂ€gt sich also im alltĂ€glichen Sprachgebrauch nieder. Wir sind nicht nur gewohnt, das Wort „Arbeit“ inflationĂ€r zu verwenden, sondern auch auf zwei ganz verschiedenen Bedeutungsebenen. „Arbeit“ bezeichnet lĂ€ngst nicht mehr nur (wie es zutreffend wĂ€re) die kapitalistische TĂ€tigkeitsform in der Selbstzweck-MĂŒhle, sondern dieser Begriff ist zum Synonym fĂŒr jede zielgerichtete Anstrengung ĂŒberhaupt geworden und hat damit seine Spuren verwischt.

Diese begriffliche UnschĂ€rfe bereitet den Boden fĂŒr eine ebenso halbseidene wie gĂ€ngige Kritik der Arbeitsgesellschaft, die genau verkehrt herum operiert, nĂ€mlich vom positiv gedeuteten Imperialismus der Arbeit aus. Der Arbeitsgesellschaft wird ausgerechnet vorgeworfen, daß sie das Leben noch nicht genug mit ihrer TĂ€tigkeitsform beherrscht, weil sie den Begriff der Arbeit angeblich „zu eng“ faßt, nĂ€mlich „Eigenarbeit“ oder „unbezahlte Selbsthilfe“ (Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe usw.) daraus moralisch exkommuniziert und nur marktgĂ€ngige Erwerbsarbeit als „wirkliche“ Arbeit gelten lĂ€ĂŸt. Eine Neubewertung und Erweiterung des Arbeitsbegriffs soll diese einseitige Fixierung und die damit verbundenen Hierarchisierungen beseitigen.

Es geht diesem Denken also gar nicht um die Emanzipation von den herrschenden ZwĂ€ngen, sondern lediglich um eine semantische Reparatur. Die unĂŒbersehbare Krise der Arbeitsgesellschaft soll dadurch gelöst werden, daß das gesellschaftliche Bewußtsein bislang inferiore TĂ€tigkeitsformen neben der kapitalistischen ProduktionssphĂ€re „wirklich“ in den Adelsstand der Arbeit erhebt. Aber die InferioritĂ€t dieser TĂ€tigkeiten ist eben nicht bloß das Ergebnis einer bestimmten ideologischen Betrachtungsweise, sondern gehört zur Grundstruktur des warenproduzierenden Systems und ist durch nette moralische Umdefinitionen nicht aufzuheben.

In einer Gesellschaft, die von der Warenproduktion als Selbstzweck beherrscht wird, kann als eigentlicher Reichtum nur gelten, was in monetarisierter Gestalt darstellbar ist. Der davon bestimmte Arbeitsbegriff strahlt zwar imperial auf alle anderen SphĂ€ren aus, aber nur negativ, indem er diese als von sich abhĂ€ngig kenntlich macht. Die SphĂ€ren außerhalb der Warenproduktion bleiben so notwendigerweise im Schatten der kapitalistischen ProduktionssphĂ€re, weil sie in der abstrakten betriebswirtschaftlichen Zeitsparlogik nicht aufgehen – auch und gerade dann, wenn sie lebensnotwendig sind wie der abgespaltene, als „weiblich“ definierte TĂ€tigkeitsbereich des privaten Haushalts, der persönlichen Zuwendung usw.

Eine moralisierende Erweiterung des Arbeitsbegriffs statt seiner radikalen Kritik verschleiert nicht nur den realen gesellschaftlichen Imperialismus der warenproduzierenden Ökonomie, sondern fĂŒgt sich auch bestens in die autoritĂ€ren Strategien der staatlichen Krisenverwaltung ein. Die seit den 70er Jahren erhobene Forderung, auch die „Hausarbeit“ und die TĂ€tigkeiten im „Dritten Sektor“ als vollgĂŒltige Arbeit gesellschaftlich „anzuerkennen“, spekulierte zunĂ€chst auf finanzielle staatliche Transferleistungen. Der Krisenstaat allerdings dreht den Spieß um und mobilisiert den moralischen Impetus dieser Forderung im Sinne des berĂŒchtigten „SubsidiaritĂ€tsprinzips“ gerade gegen ihre materiellen Hoffnungen.

Das Hohelied auf „Ehrenamt“ und „BĂŒrgerarbeit“ handelt nicht von der Erlaubnis, in den ziemlich leeren staatlichen Finanztöpfen stochern zu dĂŒrfen, sondern wird zum Alibi fĂŒr den sozialen RĂŒckzug des Staates, fĂŒr die anlaufenden Zwangsarbeitsprogramme und fĂŒr den schĂ€bigen Versuch, die Krisenlast hauptsĂ€chlich auf die Frauen abzuwĂ€lzen. Die offiziellen gesellschaftlichen Institutionen geben ihre soziale Verpflichtung preis mit dem ebenso freundlichen wie kostenlosen Appell an „uns alle“, doch gefĂ€lligst fortan mit privater Eigeninitiative eigenes wie fremdes Elend zu bekĂ€mpfen und keine materiellen Forderungen mehr zu stellen. So öffnet die als Emanzipationsprogramm mißverstandene Definitions-Akrobatik am weiterhin geheiligten Arbeitsbegriff dem staatlichen Versuch TĂŒr und Tor, die Aufhebung der Lohnarbeit als Beseitigung des Lohns unter Beibehaltung der Arbeit auf der verbrannten Erde der Marktwirtschaft zu vollziehen. Unfreiwillig wird damit bewiesen, daß soziale Emanzipation heute nicht die Umwertung der Arbeit, sondern nur die bewußte Entwertung der Arbeit zum Inhalt haben kann.

Neben den materiellen können einfache, personenbezogene Dienste auch den immateriellen Wohlstand erhöhen. So kann das Wohlbefinden der Kunden steigen, wenn ihnen Dienstleister belastende Eigenarbeit abnehmen. Zugleich steigt das Wohlbefinden der Dienstleister, wenn sich ihr SelbstwertgefĂŒgl durch die TĂ€tigkeit erhöht. Einen einfachen, personenbezogenen Dienst auszuĂŒben ist fĂŒr die Psyche besser als arbeitslos zu sein. (Bericht der Kommission fĂŒr Zukunftsfragen der Freistaaten Bayern und Sachsen, 1997)

Halte Dich fest an die Kenntnis, die sich beim Arbeiten bewĂ€hrt, denn die Natur selbst bestĂ€tigt diese und sagt Ja dazu. Eigentlich hast Du gar keine andere Kenntnis, als die, welche Du durch das Arbeiten erworben, das ĂŒbrige ist alles nur eine Hypothese des Wissens. (Thomas Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln, 1843)

15. Die Krise des Interessenkampfes#

So sehr die fundamentale Krise der Arbeit auch verdrĂ€ngt und tabuisiert wird, sie prĂ€gt dennoch alle aktuellen sozialen Konflikte. Der Übergang von einer Gesellschaft der Massenintegration zu einer Selektions- und Apartheids-Ordnung hat nicht etwa zu einer neuen Runde des alten Klassenkampfs zwischen Kapital und Arbeit gefĂŒhrt, sondern zu einer kategorialen Krise des systemimmanenten Interessenkampfes selbst. Schon in der Epoche der ProsperitĂ€t nach dem Zweiten Weltkrieg war die alte Emphase des Klassenkampfes verblaßt. Aber nicht etwa deswegen, weil das „an sich“ revolutionĂ€re Subjekt durch manipulative Machenschaften und Bestechung mit fragwĂŒrdigem Wohlstand „integriert“ worden wĂ€re, sondern weil sich umgekehrt auf dem fordistischen Entwicklungsstand die logische IdentitĂ€t von Kapital und Arbeit als soziale Funktions-Kategorien einer gemeinsamen gesellschaftlichen Fetischform herausschĂ€lte. Der systemimmanente Wunsch, die Ware Arbeitskraft zu möglichst guten Konditionen zu verkaufen, verlor jedes transzendierende Moment.

Ging es dabei bis in die 70er Jahre hinein immerhin noch darum, eine Beteiligung möglichst breiter Schichten der Bevölkerung an den giftigen arbeitsgesellschaftlichen FrĂŒchten zu erstreiten, so ist selbst dieser Impuls unter den neuen Krisenbedingungen der 3. industriellen Revolution erloschen. Nur solange die Arbeitsgesellschaft expandierte, war es möglich, den Interessenkampf ihrer sozialen Funktions-Kategorien im großen Maßstab zu fĂŒhren. In demselben Maße jedoch, wie die gemeinsame Basis verfĂ€llt, können die systemimmanenten Interessen nicht mehr auf gesamtgesellschaftlichem Niveau zusammengefaßt werden. Eine allgemeine Entsolidarisierung setzt ein. Die Lohnarbeiter desertieren aus den Gewerkschaften, die Managerinnen aus den UnternehmensverbĂ€nden. Jeder fĂŒr sich und der kapitalistische System-Gott gegen alle: Die vielbeschworene Individualisierung ist nichts als ein weiteres Krisensymptom der Arbeitsgesellschaft.

Soweit ĂŒberhaupt noch Interessen aggregiert werden können, geschieht dies nur im mikro-ökonomischen Maßstab. Denn in demselben Maße, wie es sich als Hohn auf die soziale Befreiung geradezu zum Privileg entwickelt hat, das eigene Leben betriebswirtschaftlich verwursten zu lassen, degeneriert die Interessenvertretung der Ware Arbeitskraft zur knallharten Lobby-Politik immer kleinerer sozialer Segmente. Wer die Logik der Arbeit akzeptiert, muß jetzt auch die Logik der Apartheid akzeptieren. Es geht nur noch darum, der eigenen eng umrissenen Klientel auf Kosten aller anderen die VerkĂ€uflichkeit ihrer Haut zu sichern. Belegschaften und BetriebsrĂ€te finden ihren wahren Gegner lĂ€ngst nicht mehr im Management ihres Unternehmens, sondern in den LohnabhĂ€ngigen konkurrierender Betriebe und „Standorte“, egal ob in der nĂ€chsten Ortschaft oder im Fernen Osten. Und wenn sich die Frage stellt, wer beim nĂ€chsten Schub betriebswirtschaftlicher Rationalisierung ĂŒber die Klinge springen muß, werden auch die Nachbarabteilung und der unmittelbare Kollege zum Feind.

Die radikale Entsolidarisierung betrifft keineswegs nur die betriebliche und gewerkschaftliche Auseinandersetzung. Da gerade in der Krise der Arbeitsgesellschaft alle Funktionskategorien umso fanatischer auf deren inhĂ€renter Logik beharren, daß jedes menschliche Wohlergehen bloßes Abfallprodukt rentabler Verwertung sein kann, beherrscht das Sankt-Florians-Prinzip alle Interessenkonflikte. SĂ€mtliche Lobbys kennen die Spielregeln und handeln danach. Jede Mark, die eine andere Klientel erhĂ€lt, ist fĂŒr die eigene verloren. Jeder Einschnitt am anderen Ende des sozialen Netzes erhöht die Chance, selber noch eine Galgenfrist herauszuschinden. Der Rentner wird zum natĂŒrlichen Gegner aller Beitragszahler, der Kranke zum Feind aller Versicherten und der Immigrant zum Haßobjekt aller wildgewordenen InlĂ€nder.

Irreversibel erschöpft sich so das Unterfangen, den systemimmanenten Interessenkampf als Hebel sozialer Emanzipation einsetzen zu wollen. Damit ist die klassische Linke am Ende. Eine Wiedergeburt radikaler Kapitalismuskritik setzt den kategorialen Bruch mit der Arbeit voraus. Erst wenn ein neues Ziel der sozialen Emanzipation jenseits der Arbeit und ihrer abgeleiteten Fetisch-Kategorien (Wert, Ware, Geld, Staat, Rechtsform, Nation, Demokratie usw.) gesetzt wird, ist eine Re-Solidarisierung auf hohem Niveau und im gesamtgesellschaftlichen Maßstab möglich. Und erst in dieser Perspektive können auch systemimmanente AbwehrkĂ€mpfe gegen die Logik der Lobbysierung und Individualisierung re-aggregiert werden; jetzt allerdings nicht mehr im positiven, sondern im negatorischen strategischen Bezug auf die herrschenden Kategorien.

Bis jetzt drĂŒckt sich die Linke vor dem kategorialen Bruch mit der Arbeitsgesellschaft. Sie verharmlost die SystemzwĂ€nge zur bloßen Ideologie und die Logik der Krise zum bloßen politischen Projekt der „Herrschenden“. An die Stelle des kategorialen Bruchs tritt die sozialdemokratische und keynesianische Nostalgie. Nicht eine neue konkrete Allgemeinheit sozialer Formierung jenseits von abstrakter Arbeit und Geldform wird angestrebt, sondern die Linke versucht die alte abstrakte Allgemeinheit des systemimmanenten Interesses krampfhaft festzuhalten. Aber diese Versuche bleiben selber abstrakt und können keine soziale Massenbewegung mehr integrieren, weil sie sich an den realen KrisenverhĂ€ltnissen vorbeimogeln.

Das gilt besonders fĂŒr die Forderung nach einem garantierten Existenzgeld oder Mindesteinkommen. Statt konkrete soziale AbwehrkĂ€mpfe gegen bestimmte Maßnahmen des Apartheid-Regimes mit einem allgemeinen Programm gegen die Arbeit zu verbinden, will diese Forderung eine falsche Allgemeinheit der sozialen Kritik herstellen, die in jeder Hinsicht abstrakt, systemimmanent und hilflos bleibt. Die soziale Krisenkonkurrenz kann damit nicht ĂŒberwunden werden. Ignorant wird das ewige Weiterfunktionieren der globalen Arbeitsgesellschaft vorausgesetzt, denn woher sonst sollte das Geld kommen, um dieses staatlich garantierte Grundeinkommen zu finanzieren, wenn nicht aus gelingenden Verwertungsprozessen? Wer auf eine solche „Sozialdividende“ baut (schon der Name spricht BĂ€nde), muß gleichzeitig klammheimlich auf eine privilegierte Position des „eigenen“ Landes in der globalen Konkurrenz setzen. Denn nur der Sieg im Weltkrieg der MĂ€rkte wĂŒrde es vorĂŒbergehend erlauben, einige Millionen kapitalistisch â€žĂŒberflĂŒssiger“ Mitesser zuhause durchzufĂŒttern – unter Ausschluß aller Menschen ohne inlĂ€ndischen Paß, versteht sich.

Die Reform-Heimwerker der Existenzgeldforderung ignorieren die kapitalistische Verfaßtheit der Geldform in jeder Hinsicht. Letztlich geht es ihnen nur darum, vom kapitalistischen Arbeits- und Warenkonsum-Subjekt das letztere zu retten. Statt die kapitalistische Lebensweise ĂŒberhaupt in Frage zu stellen, soll die Welt trotz Krise der Arbeit weiterhin unter Lawinen stinkender Blechhaufen, hĂ€ĂŸlicher Betonklötze und minderwertigen Warenschrotts begraben werden, damit den Menschen die einzige klĂ€gliche Freiheit erhalten bleibt, die sie sich noch vorstellen können: die Wahlfreiheit vor den Regalen des Supermarkts.

Aber selbst diese traurige und beschrĂ€nkte Perspektive ist völlig illusionĂ€r. Ihre linken Protagonisten und theoretischen Analphabeten haben vergessen, daß der kapitalistische Warenkonsum niemals schlicht der Befriedigung von BedĂŒrfnissen dient, sondern immer nur eine Funktion der Verwertungsbewegung sein kann. Wenn die Arbeitskraft nicht mehr zu verkaufen ist, gelten selbst elementare BedĂŒrfnisse als unverschĂ€mte luxurierende AnsprĂŒche, die auf ein Minimum herabgedrĂŒckt werden mĂŒssen. Und genau dafĂŒr wird das Existenzgeld-Programm ein Vehikel sein, nĂ€mlich als Instrument staatlicher Kostenreduktion und als Elendsversion der Sozialtransfers, die an die Stelle der kollabierenden Sozialversicherungen tritt. In diesem Sinne hat der Vordenker des Neoliberalismus, Milton Friedman, das Konzept des Grundeinkommens ursprĂŒnglich entworfen, bevor eine abgerĂŒstete Linke es als vermeintlichen Rettungsanker entdeckte. Und mit diesem Inhalt wird es auch Wirklichkeit werden – oder gar nicht.

Es hat sich gezeigt, daß infolge der unvermeidlichen Gesetze der Menschennatur manche menschliche Wesen der Not ausgesetzt sein werden. Diese sind die unglĂŒcklichen Personen, die in der großen Lebenslotterie eine Niete gezogen haben. (Thomas Robert Malthus)

16. Die Aufhebung der Arbeit#

Der kategoriale Bruch mit der Arbeit findet keine fertigen und objektiv bestimmten gesellschaftlichen Lager vor wie der systemimmanent beschrĂ€nkte Interessenkampf. Er ist ein Bruch mit der falschen Sachgesetzlichkeit einer „zweiten Natur“, also nicht selber wieder ein quasi-automatischer Vollzug, sondern negatorische Bewußtheit – Verweigerung und Rebellion ohne irgendein „Gesetz der Geschichte“ im RĂŒcken. Ausgangspunkt kann kein neues abstrakt-allgemeines Prinzip sein, sondern nur der Ekel vor dem eigenen Dasein als Arbeits- und Konkurrenzsubjekt und die kategorische Weigerung, auf immer elenderem Niveau weiter so funktionieren zu mĂŒssen.

Trotz ihrer absoluten Vorherrschaft ist es der Arbeit nie gelungen, den Widerwillen gegen die von ihr gesetzten ZwĂ€nge ganz auszulöschen. Neben allen regressiven Fundamentalismen und allem Konkurrenzwahn der sozialen Selektion gibt es auch ein Protest- und Widerstandspotential. Das Unbehagen im Kapitalismus ist massenhaft vorhanden, aber in den soziopsychischen Untergrund abgedrĂ€ngt. Es wird nicht abgerufen. Deshalb bedarf es eines neuen geistigen Freiraums, damit das Undenkbare denkbar gemacht werden kann. Das Weltdeutungsmonopol des Arbeits-Lagers ist aufzubrechen. Der theoretischen Kritik der Arbeit kommt dabei die Rolle eines Katalysators zu. Sie hat die Pflicht, die herrschenden Denkverbote frontal anzugreifen und ebenso offen wie klar auszusprechen, was sich niemand zu wissen traut und viele doch spĂŒren: Die Arbeitsgesellschaft ist definitiv am Ende. Und es gibt nicht den geringsten Grund, ihr Hinscheiden zu bedauern.

Erst die ausdrĂŒcklich formulierte Kritik der Arbeit und eine entsprechende theoretische Debatte können jene neue Gegenöffentlichkeit schaffen, die unabdingbare Voraussetzung dafĂŒr ist, daß sich eine praktische soziale Bewegung gegen die Arbeit konstituiert. Die Binnenstreitereien innerhalb des Arbeits-Lagers haben sich erschöpft und werden immer absurder. Umso dringender ist es, die gesellschaftlichen Konfliktlinien neu zu bestimmen, entlang derer sich ein BĂŒndnis gegen die Arbeit formieren kann.

Es gilt also in groben ZĂŒgen zu skizzieren, welche Zielsetzungen fĂŒr eine Welt jenseits der Arbeit möglich sind. Das Programm gegen die Arbeit speist sich nicht aus einem Kanon positiver Prinzipien, sondern aus der Kraft der Negation. Ging die Durchsetzung der Arbeit mit der umfassenden Enteignung der Menschen von den Bedingungen ihres eigenen Lebens einher, so kann die Negation der Arbeitsgesellschaft nur darin bestehen, daß sich die Menschen ihren gesellschaftlichen Zusammenhang auf höherem historischen Niveau wieder aneignen. Die Gegner der Arbeit werden deshalb die Bildung weltweiter VerbĂŒnde frei assoziierter Individuen anstreben, die der leerlaufenden Arbeits- und Verwertungsmaschine die Produktions- und Existenzmittel entreißen und sie in die eigene Hand nehmen. Nur im Kampf gegen die Monopolisierung aller gesellschaftlichen Ressourcen und Reichtumspotentiale durch die EntfremdungsmĂ€chte von Markt und Staat lassen sich soziale RĂ€ume der Emanzipation erobern.

Dabei ist auch das Privateigentum auf eine neue und andere Weise anzugreifen. FĂŒr die bisherige Linke war das Privateigentum nicht die juristische Form des warenproduzierenden Systems, sondern lediglich eine ominöse subjektive „VerfĂŒgungsgewalt“ der Kapitalisten ĂŒber die Ressourcen. So konnte der absurde Gedanke entstehen, das Privateigentum auf dem Boden der Warenproduktion ĂŒberwinden zu wollen. Als Gegensatz zum Privateigentum erschien daher in der Regel das Staatseigentum („Verstaatlichung“). Der Staat aber ist nichts als die Ă€ußerliche Zwangsgemeinschaft oder abstrakte Allgemeinheit der sozial atomisierten Warenproduzenten, das Staatseigentum somit nur eine abgeleitete Form des Privateigentums – egal, ob es mit dem Adjektiv „sozialistisch“ versehen wird oder nicht.

In der Krise der Arbeitsgesellschaft wird das Privateigentum ebenso wie das Staatseigentum obsolet, weil beide Eigentumsformen gleichermaßen den Verwertungsprozeß voraussetzen. Eben deshalb liegen die entsprechenden sachlichen Mittel zunehmend brach und bleiben verschlossen. Und eifersĂŒchtig wachen die staatlichen, betrieblichen und juristischen FunktionĂ€re darĂŒber, daß dies so bleibt und die Produktionsmittel eher verrotten als fĂŒr einen anderen Zweck eingesetzt zu werden. Die Eroberung der Produktionsmittel durch freie Assoziationen gegen die staatliche und juristische Zwangsverwaltung kann daher nur bedeuten, daß diese Produktionsmittel nicht mehr in der Form der Warenproduktion fĂŒr anonyme MĂ€rkte mobilisiert werden.

An die Stelle der Warenproduktion tritt die direkte Diskussion, Absprache und gemeinsame Entscheidung der Gesellschaftsmitglieder ĂŒber den sinnvollen Einsatz der Ressourcen. Die unter dem Diktat des kapitalistischen Selbstzwecks undenkbare gesellschaftlich-institutionelle IdentitĂ€t von Produzenten und Konsumenten wird hergestellt. Die entfremdeten Institutionen von Markt und Staat werden abgelöst durch ein gestaffeltes System von RĂ€ten, in denen vom Stadtteil bis zur Weltebene die freien Assoziationen nach Gesichtspunkten sinnlicher, sozialer und ökologischer Vernunft ĂŒber den Fluß der Ressourcen bestimmen.

Nicht mehr der Selbstzweck von Arbeit und „BeschĂ€ftigung“ bestimmt das Leben, sondern die Organisation des sinnvollen Einsatzes von gemeinsamen Möglichkeiten, die durch keine automatische „unsichtbare Hand“ gesteuert werden, sondern durch bewußtes gesellschaftliches Handeln. Der produzierte Reichtum wird direkt nach BedĂŒrfnissen angeeignet, nicht nach „ZahlungsfĂ€higkeit“. Zusammen mit der Arbeit verschwindet die abstrakte Allgemeinheit des Geldes ebenso wie diejenige des Staates. An die Stelle der getrennten Nationen tritt eine Weltgesellschaft, die keine Grenzen mehr benötigt, in der sich jeder Mensch frei bewegen und an jedem beliebigen Ort das universelle Gastrecht beanspruchen kann.

Die Kritik der Arbeit ist eine KriegserklĂ€rung an die herrschende Ordnung, keine friedliche Nischen-Koexistenz mit deren ZwĂ€ngen. Die Parole der sozialen Emanzipation kann nur lauten: Nehmen wir uns, was wir brauchen! Kriechen wir nicht lĂ€nger auf Knien unter das Joch der ArbeitsmĂ€rkte und der demokratischen Krisenverwaltung! Die Voraussetzung dafĂŒr ist die Kontrolle neuer sozialer Organisationsformen (freier Assoziationen, RĂ€te) ĂŒber die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen der Reproduktion. Dieser Anspruch unterscheidet die Gegner der Arbeit grundsĂ€tzlich von allen Nischenpolitikern und Kleingeistern eines Schrebergarten-Sozialismus.

Die Herrschaft der Arbeit spaltet das menschliche Individuum. Sie trennt das Wirtschaftssubjekt vom StaatsbĂŒrger, das Arbeitstier vom Freizeitmenschen, das abstrakt Öffentliche vom abstrakt Privaten, die produzierte MĂ€nnlichkeit von der produzierten Weiblichkeit und sie stellt den vereinzelten Einzelnen ihren eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang als eine fremde, sie beherrschende Macht gegenĂŒber. Die Gegner der Arbeit streben die Aufhebung dieser Schizophrenie in der konkreten Aneignung des gesellschaftlichen Zusammenhangs durch bewußt und selbstreflexiv handelnde Menschen an.

Die „Arbeit“ ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende TĂ€tigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der „Arbeit“ gefaßt wird . (Karl Marx, Über Friedrich Lists Buch „Das nationale System der politischen Ökonomie“, 1845)

17. Ein Programm der Abschaffungen gegen die Liebhaber der Arbeit#

Man wird den Gegnern der Arbeit vorwerfen, sie seien nichts als Phantasten. Die Geschichte habe erwiesen, daß eine Gesellschaft, die nicht auf den Prinzipien der Arbeit, des Leistungszwangs, der marktwirtschaftlichen Konkurrenz und des individuellen Eigennutzes basiere, nicht funktionieren könne. Wollt ihr, Apologeten des herrschenden Zustands, also behaupten, daß die kapitalistische Warenproduktion tatsĂ€chlich der Mehrheit der Menschen ein auch nur im entferntesten annehmbares Leben beschert hat? Nennt ihr es „funktionieren“, wenn ausgerechnet das sprunghafte Wachstum der ProduktivkrĂ€fte Milliarden von Menschen aus der Menschheit stĂ¶ĂŸt und sie froh sein dĂŒrfen, auf MĂŒllhalden zu ĂŒberleben? Wenn Milliarden andere das gehetzte Leben unter dem Diktat der Arbeit nur noch ertragen, indem sie sich isolieren und vereinsamen, indem sie ihren Geist genußlos betĂ€uben und physisch wie psychisch erkranken? Wenn die Welt in eine WĂŒste verwandelt wird, nur um aus Geld mehr Geld zu machen? Nun gut. Das ist in der Tat die Art und Weise, wie euer grandioses System der Arbeit „funktioniert“. Solche Leistungen allerdings wollen wir nicht vollbringen!

Eure Selbstzufriedenheit beruht auf eurer Ignoranz und auf der SchwĂ€che eures GedĂ€chtnisses. Die einzige Rechtfertigung, die ihr fĂŒr eure gegenwĂ€rtigen und zukĂŒnftigen Verbrechen findet, ist der Zustand der Welt, der auf euren vergangenen Verbrechen beruht. Ihr habt vergessen und verdrĂ€ngt, welcher Staatsmassaker es bedurfte, bis den Menschen euer gelogenes „Naturgesetz“ ins Hirn gefoltert war, daß es geradezu ein GlĂŒck sei, fremdbestimmt „beschĂ€ftigt“ zu werden und sich die Lebensenergie fĂŒr den abstrakten Selbstzweck eures Systemgötzen aussaugen zu lassen.

Erst mußten alle Institutionen der Selbstorganisation und der selbstbestimmten Kooperation in den alten Agrargesellschaften ausgerottet werden, bis die Menschheit ĂŒberhaupt in der Lage war, die Herrschaft von Arbeit und Eigennutz zu verinnerlichen. Vielleicht wurde wirklich ganze Arbeit geleistet. Wir sind keine ĂŒbertriebenen Optimisten. Wir können nicht wissen, ob die Befreiung aus diesem konditionierten Dasein gelingen wird. Es ist offen, ob der Untergang der Arbeit zur Überwindung des Arbeitswahns fĂŒhrt oder zum Ende der Zivilisation.

Ihr werdet einwenden, mit der Aufhebung des Privateigentums und des Zwangs zum Geldverdienen werde alle TĂ€tigkeit aufhören und eine allgemeine Faulheit einreißen. Gebt ihr also zu, daß euer gesamtes „natĂŒrliches“ System auf purem Zwang beruht? Und daß ihr deshalb die Faulheit als TodsĂŒnde wider den Geist des Arbeitsgötzen fĂŒrchtet? Die Gegner der Arbeit jedoch haben ĂŒberhaupt nichts gegen die Faulheit. Eines ihrer vorrangigen Ziele ist es, die Kultur der Muße wiederherzustellen, die einst alle Gesellschaften kannten und die vernichtet wurde, um ein rastloses und sinnvergessenes Produzieren durchzusetzen. Deshalb werden die Gegner der Arbeit zuerst all die vielen Produktionszweige ersatzlos stillegen, die ĂŒberhaupt nur dazu dienen, ohne RĂŒcksicht auf Verluste den verrĂŒckten Selbstzweck des warenproduzierenden Systems aufrechtzuerhalten.

Wir sprechen nicht nur von den offensichtlich gemeingefĂ€hrlichen Arbeitsbereichen wie der Auto-, der RĂŒstungs- und der Atomindustrie, sondern auch von der Produktion jener zahlreichen Sinnprothesen und albernen BelustigungsgegenstĂ€nde, die den Arbeitsmenschen einen Ersatz fĂŒr ihr vergeudetes Leben vortĂ€uschen sollen. Verschwinden wird auch die ungeheure Menge jener TĂ€tigkeiten, die ĂŒberhaupt nur deswegen anfallen, weil die Produktmassen durch das Nadelöhr der Geldform und Marktvermittlung hindurchgepreßt werden mĂŒssen. Oder meint ihr, daß noch Buchhalter und Kostenrechner, Marketingspezialisten und VerkĂ€ufer, Vertreter und Werbetexter vonnöten sind, sobald die Dinge nach Bedarf hergestellt werden und alle einfach nehmen, was sie brauchen? Und wozu sollte es noch Finanzbeamte und Polizisten, Sozialarbeiter und Armutsverwalter geben, wenn kein Privateigentum mehr geschĂŒtzt, kein soziales Elend verwaltet und niemand fĂŒr entfremdete SystemzwĂ€nge zugerichtet werden muß?

Wir hören schon den Aufschrei: Die vielen ArbeitsplĂ€tze! Jawohl. Rechnet es ruhig einmal aus, wieviel Lebenszeit sich die Menschheit tĂ€glich raubt, nur um „tote Arbeit“ aufzuhĂ€ufen, Menschen zu verwalten und das herrschende System zu schmieren. Wieviel Zeit wir alle in der Sonne liegen könnten statt uns fĂŒr Dinge zu schinden, ĂŒber deren grotesken, repressiven und zerstörerischen Charakter schon ganze Bibliotheken geschrieben wurden. Doch keine Angst. Keinesfalls wird alle TĂ€tigkeit aufhören, wenn die ZwĂ€nge der Arbeit verschwinden. Allerdings verĂ€ndert alle TĂ€tigkeit ihren Charakter, wenn sie nicht mehr in eine selbstzweckhafte und entsinnlichte SphĂ€re von abstrakten Fließzeiten gebannt wird, sondern ihrem eigenen, individuell variablen Zeitmaß folgen kann und in persönliche LebenszusammenhĂ€nge integriert ist; wenn auch in großen Organisationsformen der Produktion die Menschen selber den Ablauf bestimmen, statt vom Diktat der betriebswirtschaftlichen Verwertung bestimmt zu werden. Warum sich hetzen lassen von den dreisten Anforderungen einer aufgezwungenen Konkurrenz? Es gilt, die Langsamkeit wiederzuentdecken.

Nicht verschwinden werden natĂŒrlich auch jene TĂ€tigkeiten der Hauswirtschaft und der Pflege von Menschen, die in der Arbeitsgesellschaft unsichtbar gemacht, abgespalten und als „weiblich“ definiert worden sind. Das Kochen ist ebensowenig zu automatisieren wie das Wickeln von Kleinkindern. Wenn zusammen mit der Arbeit die Trennung der sozialen SphĂ€ren ĂŒberwunden wird, können diese notwendigen TĂ€tigkeiten ins Licht bewußter sozialer Organisation jenseits der geschlechtlichen Zuschreibungen treten. Sie verlieren ihren repressiven Charakter, sobald sie nicht mehr Menschen unter sich subsumieren und je nach UmstĂ€nden und BedĂŒrfnissen von MĂ€nnern wie Frauen gleichermaßen verrichtet werden.

Wir sagen nicht, daß jede TĂ€tigkeit dadurch zum Genuß wird. Einige mehr, andere weniger. NatĂŒrlich gibt es immer Notwendiges, das getan werden muß. Aber wen wollte das schrecken, wenn das Leben nicht davon aufgefressen wird? Und es wird immer viel mehr geben, was aus freier Entscheidung heraus getan werden kann. Denn die TĂ€tigkeit ist ja ebenso ein BedĂŒrfnis wie die Muße. Nicht einmal die Arbeit hat dieses BedĂŒrfnis ganz auslöschen können, sondern es fĂŒr sich instrumentalisiert und vampirisch ausgesaugt.

Die Gegner der Arbeit sind weder Fanatiker eines blinden Aktivismus noch eines ebenso blinden Nichtstuns. Muße, notwendige TĂ€tigkeit und freigewĂ€hlte AktivitĂ€ten mĂŒssen in ein sinnvolles VerhĂ€ltnis gebracht werden, das sich nach BedĂŒrfnissen und LebenszusammenhĂ€ngen richtet. Einmal den kapitalistischen SachzwĂ€ngen der Arbeit entwunden, können die modernen ProduktivkrĂ€fte die frei disponible Zeit fĂŒr alle ungeheuer ausdehnen. Warum Tag fĂŒr Tag viele Stunden in Fabrikhallen und BĂŒros zubringen, wenn Automaten aller Art uns den grĂ¶ĂŸten Teil dieser TĂ€tigkeiten abnehmen können? Warum hunderte menschlicher Körper schwitzen lassen, wenn einige MĂ€hdrescher genĂŒgen? Warum Geist auf eine Routine verschwenden, die auch ein Computer ohne weiteres ausfĂŒhrt?

Allerdings kann fĂŒr diese Zwecke nur der geringste Teil der Technik in seiner kapitalistischen Form ĂŒbernommen werden. Das Gros der technischen Aggregate ist völlig umzuformen, wurden diese doch nach den bornierten MaßstĂ€ben der abstrakten RentabilitĂ€t gebaut. Viele technische Möglichkeiten sind andererseits aus demselben Grund gar nicht erst entwickelt worden. Obwohl solare Energie an jeder Ecke gewonnen werden kann, setzt die Arbeitsgesellschaft zentralisierte und lebensgefĂ€hrliche Kraftwerke in die Welt. Und obwohl schonende Methoden der agrarischen Produktion lĂ€ngst bekannt sind, schĂŒttet das abstrakte GeldkalkĂŒl tausenderlei Gifte ins Wasser, zerstört die Böden und verpestet die Luft. Aus rein betriebswirtschaftlichen GrĂŒnden werden Bauteile und Lebensmittel dreimal um den Globus gejagt, obwohl die meisten Dinge ohne große Transportwege leicht vor Ort hergestellt werden können. Ein erheblicher Teil der kapitalistischen Technik ist ebenso sinnlos und ĂŒberflĂŒssig wie der dazugehörige Aufwand menschlicher Energie.

Wir sagen euch damit nichts Neues. Und doch werdet ihr niemals Konsequenzen aus dem ziehen, was ihr auch selber sehr gut wißt. Denn ihr verweigert euch jeder bewußten Entscheidung darĂŒber, welche Produktions-, Transport- und Kommunikationsmittel sinnvollerweise einzusetzen und welche schĂ€dlich oder schlicht ĂŒberflĂŒssig sind. Je hektischer ihr euer Mantra der demokratischen Freiheit abnudelt, desto verbissener weist ihr die elementarste soziale Entscheidungsfreiheit zurĂŒck, weil ihr weiterhin dem herrschenden Leichnam der Arbeit und seinen Pseudo-„Naturgesetzen“ dienen wollt.

Daß die Arbeit aber selbst nicht nur unter den jetzigen Bedingungen, sondern insofern ĂŒberhaupt ihr Zweck die bloße VergrĂ¶ĂŸerung des Reichtums ist, ich sage, daß die Arbeit selbst schĂ€dlich, unheilvoll ist, das folgt, ohne daß der Nationalökonom (Adam Smith) es weiß, aus seinen eigenen Entwicklungen. (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844)

Unser Leben ist der Mord durch Arbeit, wir hĂ€ngen 60 Jahre lang am Strick und zappeln, aber wir werden uns losschneiden. (Georg BĂŒchner, Dantons Tod, 1835)

18. Der Kampf gegen die Arbeit ist antipolitisch#

Die Überwindung der Arbeit ist alles andere als eine wolkige Utopie. Die Weltgesellschaft kann in der bestehenden Form keine 50 oder 100 Jahre mehr weitermachen. Daß die Gegner der Arbeit es mit dem bereits klinisch toten Arbeitsgötzen zu tun haben, macht ihre Aufgabe freilich nicht unbedingt leichter. Denn je mehr die Krise der Arbeitsgesellschaft sich zuspitzt und alle Reparaturversuche als FehlschlĂ€ge enden, desto mehr wĂ€chst auch die Kluft zwischen der Vereinzelung der hilflosen sozialen Monaden und den Anforderungen einer gesamtgesellschaftlichen Aneignungsbewegung. Die zunehmende Verwilderung der sozialen VerhĂ€ltnisse in großen Teilen der Welt zeigt, daß sich das alte Arbeits- und Konkurrenzbewußtsein auf immer niedrigerem Niveau fortsetzt. Die schubweise Entzivilisierung scheint trotz aller Impulse eines Unbehagens im Kapitalismus die naturwĂŒchsige Verlaufsform der Krise zu sein.

Gerade bei derart negativen Aussichten wĂ€re es fatal, die praktische Kritik der Arbeit als umfassendes gesamtgesellschaftliches Programm hintanzustellen und sich darauf zu beschrĂ€nken, eine prekĂ€re Überlebenswirtschaft in den Ruinen der Arbeitsgesellschaft zu errichten. Die Kritik der Arbeit hat nur eine Chance, wenn sie gegen den Strom der Entgesellschaftung ankĂ€mpft, statt sich davon mitreißen zu lassen. Aber zivilisatorische Standards sind nicht mehr mit der demokratischen Politik zu verteidigen, sondern nur noch gegen sie.

Wer die emanzipatorische Aneignung und Transformation des kompletten gesellschaftlichen Zusammenhangs anstrebt, kann schwerlich die Instanz ignorieren, die bislang dessen Rahmenbedingungen organisiert. Es ist unmöglich, gegen die Enteignung der eigenen gesellschaftlichen Potenzen zu rebellieren, ohne sich mit dem Staat zu konfrontieren. Denn der Staat verwaltet nicht nur ungefÀhr die HÀlfte des gesellschaftlichen Reichtums, er sichert auch die zwanghafte Unterordnung aller gesellschaftlichen Potentiale unter das Gebot der Verwertung. Sowenig die Gegner der Arbeit Staat und Politik ignorieren können, ebensowenig ist mit ihnen Staat und Politik zu machen.

Wenn das Ende der Arbeit auch das Ende der Politik ist, dann wĂ€re eine politische Bewegung fĂŒr die Aufhebung der Arbeit ein Widerspruch in sich. Die Gegner der Arbeit richten Forderungen an den Staat, aber sie bilden keine politische Partei und sie werden auch keine bilden. Der Zweck der Politik kann es nur sein, den Staatsapparat zu erobern, um mit der Arbeitsgesellschaft weiterzumachen. Die Gegner der Arbeit wollen daher nicht die Schaltzentralen der Macht besetzen, sondern sie ausschalten. Ihr Kampf ist nicht politisch, sondern antipolitisch.

Untrennbar sind Staat und Politik der Moderne mit dem Zwangssystem der Arbeit verquickt und deshalb mĂŒssen sie zusammen mit diesem verschwinden. Das Gerede von einer Renaissance der Politik ist nur der Versuch, die Kritik des ökonomischen Terrors auf ein positiv staatsbezogenes Handeln zurĂŒckzuzerren. Selbstorganisation und Selbstbestimmung aber sind das genaue Gegenteil von Staat und Politik. Die Eroberung sozial-ökonomischer und kultureller FreirĂ€ume vollzieht sich nicht auf dem politischen Umweg, Dienstweg und Irrweg, sondern als Konstitution einer Gegengesellschaft.

Freiheit heißt, sich weder vom Markt verwursten noch vom Staat verwalten zu lassen, sondern den gesellschaftlichen Zusammenhang in eigener Regie zu organisieren – ohne Dazwischenkunft entfremdeter Apparate. In diesem Sinne geht es fĂŒr die Gegner der Arbeit darum, neue Formen sozialer Bewegung zu finden und BrĂŒckenköpfe einzunehmen fĂŒr eine Reproduktion des Lebens jenseits der Arbeit. Es gilt, die Formen einer gegengesellschaftlichen Praxis mit der offensiven Verweigerung der Arbeit zu verbinden.

Mögen die herrschenden MĂ€chte uns fĂŒr verrĂŒckt erklĂ€ren, weil wir den Bruch mit ihrem irrationalen Zwangssystem riskieren. Wir haben nichts zu verlieren als die Aussicht auf die Katastrophe, in die sie uns hineinsteuern. Wir haben eine Welt jenseits der Arbeit zu gewinnen.

Proletarier aller LĂ€nder, macht Schluß!

Juni 1999

Herausgeberin: Zeitschrift Krisis – BeitrĂ€ge zur Kritik der Warengesellschaft