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Der Ausdehnungsdrang moderner Commons

Transpersonales Commoning zur Weiterentwicklung der Keimformtheorie

von Marcus Meindel

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Magie in seiner Reinform liegt im Glauben, es brĂ€uchte nur eine Revolution und plötzlich wĂŒrden sich Menschen nicht mehr tauschförmig aufeinander beziehen, der Kapitalismus wĂ€re abgeschafft und wir hĂ€tten endlich die herrschaftsfreie Gesellschaft, die wir immer wollten. In „Kapitalismus aufheben“[1] stellen sich Stefan Meretz und Simon SutterlĂŒtti gegen diesen magischen Moment und schaffen es einen kategorialen Rahmen aufzubauen, mit welchen ĂŒberhaupt eine gesellschaftliche Struktur auf Basis von Freiwilligkeit und kollektiver VerfĂŒgung – völlig ohne den Glauben an das UnerklĂ€rliche – denkbar wird. Da ich nichts Vergleichbares kenne, kann ich ihre Leistung hierfĂŒr nicht genug wĂŒrdigen.

Der eigene Versuch der Autoren diese Kategorien innerhalb eines Transformationsmodells anzuwenden, gerĂ€t allerdings in eine Sackgasse. Die Autoren stellen zwar eine Beziehungsform zur Selbstorganisation heraus, in welcher kein Wert entsteht und sich damit auch keine Verwertungslogik verselbststĂ€ndigt, schaffen es aber nicht, diese auf einen gesamtgesellschaftlichen Raum zu erweitern. Dieser Text soll als Versuch einer Weiterentwicklung ihrer Theorie dazu beitragen, dieses „Problem der Ausdehnung“ (M/S, S.244) zu beheben. Worum es also geht ist, wie eine Gesellschaft auf Basis von Freiwilligkeit und kollektiver VerfĂŒgung hergestellt und erhalten werden kann und das unter besonderer Beachtung der durch die kapitalistische Produktion entstandenen Vorbedingungen. In ihrem Vorwort wĂŒnschen Meretz und SutterlĂŒtti sich dabei eine gemeinsame Diskussion außerhalb des Rahmens von Konkurrenz und Exklusion. Dieser Modus ist mir Ă€ußerst wichtig und trotzdem muss innerhalb ihrer Keimformtheorie die Problematik mancher ihrer GedankengĂ€nge klar aufgezeigt werden, damit diese vermeintlichen TrugschlĂŒsse auf dem Weg zu einer fortschrittlichen Produktionsweise vermieden werden können.

Um sich dieser Produktionsweise anzunĂ€hern wird im ersten Kapitel gezeigt, dass die von Meretz und SutterlĂŒtti gewĂ€hlte Keimform nicht von der Utopie, sondern von dem Bestehenden aus erschlossen wurde, das Bestehende aber selbst in Frage gestellt werden muss. Folgend wird kritisiert, dass die Autoren darauf hoffen, ihre Keimform wĂŒrde – wie der Wert im Kapitalismus – TranspersonalitĂ€t als PhĂ€nomen hervorbringen, meine aber, dass sie hierfĂŒr um eine parallele Funktion erweitert werden muss. In Kapitel 3-5 werden Momente der kapitalistischen Produktionsweise - die drei Phasen der kapitalistischen Produktion, die Situation der LohnabhĂ€ngigen und die Bewegungstendenzen des Kapitals – wiederholt, soweit sie in „Kapitalismus aufheben“ nicht angesprochen wurden, meines Erachtens aber fĂŒr die Transformation von Bedeutung sind. In Kapitel 6 wird Commoning und die damit einhergehende Commons-Struktur neu gedacht, auf deren Basis im siebten Kapitel eine Strukturformel des Commonings aufgestellt wird, die der allgemeinen Formel der kapitalistischen Produktion gegenĂŒbergestellt werden kann. In Kapitel 8 wird schließlich geprĂŒft, wann es fĂŒr eine LohnabhĂ€ngige Sinn ergibt, ihre sinnlich-vitalen und produktiven BedĂŒrfnisse ĂŒber Lohnarbeit oder Commoning zu befriedigen. Nachfolgend soll begrĂŒndet werden, warum ich eine Priorisierung bestimmter BedĂŒrfnisse fĂŒr eine gesellschaftliche Transformation fĂŒr unerlĂ€sslich halte und wie diese aussehen kann, ohne auf eine Geld-Ă€hnliche Form zurĂŒckzufallen. In Kapitel 10 werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der parallelen Funktionen des interpersonalen und transpersonalen Commonings anhand des FĂŒnfschritts von Klaus Holzkamp herausgestellt. In Kapitel 11 werden schließlich in vier Schritten die Szenarien des Dominanzwechsels von Meretz und SutterlĂŒtti mit der Funktion des transpersonalen Commonings durchgegangen. Es soll dabei gezeigt werden, dass die eigenstĂ€ndige Funktion des transpersonalen Commonings eine mögliche Lösung zum „Problem der Ausdehnung“ ist, ohne, dass die von Meretz und SutterlĂŒtti beschriebene interpersonale Keimform dafĂŒr angetastet werden muss.

Relevante Momente der kapitalistischen Produktionsweise, dem von Meretz und SutterlĂŒtti beschriebenen „Commonismus“ und der Keimformtheorie werde ich zwar kurz wiederholen, aber der Text wird wohl ohne Grundlagen darĂŒber Ă€ußerst mĂŒhsam zu lesen sein. Diese Grundlagen werden hier weitgehend vorausgesetzt, da es sich weder um eine Buchkritik, noch um eine EinfĂŒhrung, sondern um den Versuch einer Weiterentwicklung der bestehenden Theorie handelt.

Dieser Text erschien im November 2018 und wurde im Februar 2021 aktualisiert.

1. Ein endgĂŒltiger Bruch mit sĂ€mtlichen Formen der bestehenden Commons#

Die Denkbarkeit einer fortgeschrittenen Gesellschaft klebt am Stand der Produktions- und Kommunikationsmittel. Damit geht einher, dass das Festhalten an einem Gedanken, der einst progressiv war, im Fortschritt der Zeit reaktionĂ€r werden kann. So kann Momenten der Burschenschaftsbewegung 1848 ein progressiver Charakter zugefallen sein, wenn auch heute keine Spur mehr davon ĂŒbrig ist. Genauso war die Vorstellung von Planwirtschaft und RĂ€terepublik einst progressiv, als es noch keine technische Entwicklung gab, die eine allgemeine Kommunikation zwischen den Produzierenden auf Augenhöhe („Peer-Produktion“) ermöglichte. Diese Vorstellungen, in der BedĂŒrfnisse und FĂ€higkeiten in lokalen RĂ€ten an Personen herangetragen werden und diese in höheren RĂ€ten versuchen Lösungen zur allgemeinen BedĂŒrfnisbefriedigung zu erarbeiten, wurden heute aber durch das Internet und die globale kapitalistische Produktion notwendigerweise rĂŒckschrittlich. Meretz und SutterlĂŒtti beschreiben zurecht, dass dabei der Versuch unternommen wird, Beziehung zwischen konkreten Personen und der Allgemeinheit (transpersonal) in Beziehungen von konkreten Personen zueinander (interpersonal) umzuwandeln, das heißt in den Worten der Autoren, der „Versuch einer Interpersonalisierung transpersonaler Beziehungen“ (M/S, S.172). Statt einer sachlichen Herrschaft, wie es der Kapitalismus ist, wird wieder eine Herrschaft von Personen ĂŒber Personen eingesetzt und Entscheidungen in den RĂ€ten und Gremien haben fĂŒr die Betroffenen weiterhin einen „fremden Charakter“ (M/S, S.173).

Um das zu umgehen, verzichten Meretz und SutterlĂŒtti in der Definition ihrer Keimform auf jegliche Form der Beziehungen von Personen zu einer abstrakten Allgemeinheit und sehen den Keim einer fortschrittlichen Gesellschaft in Bedingungen, in denen es auf zwischenmenschlicher Ebene Sinn macht, die BedĂŒrfnisse der jeweils anderen in die eigene TĂ€tigkeit mit einzubeziehen. Sprich: „Inklusionsbedingungen auf interpersonaler Ebene“ (M/S, S.219). Zur Rechtfertigung des Ausschlusses transpersonaler Beziehungen wird die Keimform – eigentlich spezifische Beziehung, nach welcher sich eine Gesellschaft umstrukturieren soll -, nur als Stufe bzw. Niveau betrachtet: „Unsere These ist: Wenn Commons auf dem Niveau der Keimform versuchen, den Tausch und damit die Eigentumslogik im Kapitalismus teilweise zu ĂŒberwinden, dann mĂŒssen sie transpersonale Beziehungen interpersonalisieren“ (M/S, S.217). Durch die EinschrĂ€nkung auf Beziehungen von konkreten Personen zu konkreten Personen und die sie umgebenden Bedingungen, welche das Einbeziehen der BedĂŒrfnisse anderer sinnvoll macht (Inklusionsbedingungen), schaffen sie es zwar die Entscheidungsfindungen der RĂ€te und Planwirtschaft ĂŒber die Köpfe der Produzierenden hinweg zu umgehen, verzichten dafĂŒr – innerhalb dieser Stufe – auf eine gesellschaftliche Vernetzung außerhalb des interpersonalen Umfeldes. Scheinbar bauen sie darauf, dass ein gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang aus einzelnen Punkten heraus entstehen soll, an denen Menschen „verstĂ€rkt RĂŒcksicht auf die BedĂŒrfnisse der anderen [nehmen]“ (M/S, S.218), sie damit in „interpersonalen ZusammenhĂ€ngen die exkludierende Logik des Eigentums und des Tauschs bewusst [ĂŒberwinden]“ (M/S, S.219) und sich daraus eine transpersonale Gesellschaftsstruktur ergibt. Die Autoren stehen allerdings dazu, dass sie noch nicht genau wissen, wie diese transpersonalen Strukturen entstehen werden (vgl. M/S, S.224).

Diese einzelnen, isoliert voneinander existierenden Punkte sind die bestehenden Commons und hier treffen die Autoren auch mehrere Unterscheidungen: Zuerst sind da die traditionellen Commons nach Elinor Ostrom, in deren klar definierten Grenzen, unter eigens definierten Regeln und Konfliktlösungen, zwar gemeinsam gearbeitet wird, die Produzierenden aber außerhalb der Commons in Konkurrenz zueinander stehen können (vgl. M/S, S.220). Schließlich zĂ€hlen Meretz und SutterlĂŒtti Kollektiv-Projekte dazu, u.a. die Solidarische Landwirtschaft, die sich mit „besonderem Fokus auf die interpersonalen Beziehungen“ (ebd.) freiwillig und selbst-organisiert unterschiedlichen Aspekten des Alltagslebens annehmen und dabei meistens „ihren Fokus auf ihre innere Organisation“ (M/S, S.221) legen. Als letzte Commons-Form wird schließlich der „Wissenskommunismus“ (M/S, S.221) als eine in den 40er-Jahren beginnende Entwicklung beschrieben, in der Wissen frei zur VerfĂŒgung gestellt wird, damit es geprĂŒft, kopiert, kritisiert und weiterentwickelt“ (ebd.) werden kann. Diese Form der Wissens-Commons „gehen in einen transpersonalen Vermittlungsprozess ein“ (M/S, S.222) und finden damit ihre wesentliche QualitĂ€t „in dem Erreichen der gesellschaftlichen GrĂ¶ĂŸenordnung“ (ebd.). Wissenskommunismus selbst funktioniert dabei selbstverstĂ€ndlich nur bei unbegrenzt vervielfĂ€ltigbaren Ressourcen.

WĂ€hrend Meretz und SutterlĂŒtti das Anwachsen des Commonings (Produktion zur BedĂŒrfnisbefriedigung auf Basis von Freiwilligkeit und kollektiver VerfĂŒgung) und schließlich seinen Umbruch zur gesellschaftlich-bestimmenden Produktionsweise (Dominanzwechsel. M/S 223-233) untersuchen, stellen sie noch einmal fest, dass „Commoning als Keimform, bis auf den Wissenskommunismus, auf interpersonaler Ebene auftritt“ (M/S, S.223, Hervorheb. M.M.). In einem Nebensatz abstrahieren sie also von der einzigen Commons-Form mit einer transpersonalen Vermittlung, setzen ihre Perspektive rein auf die interpersonalen Beziehungen und hoffen darauf, dass sich „mit dem Funktionswechsel eine kollektive Inklusion auf Basis von interpersonalen Commoning [bildet]“ (S.224, Hervorheb. M.M.). Weiter: „Mit dem Dominanzwechsel verallgemeinert sich diese zur transpersonalen Inklusion, zur Inklusionsgesellschaft“ (ebd.).

Das verwundert etwas, da Stefan Meretz schon 2012 in seinem Artikel „Die doppelten Commons“ zur Unterscheidung zwischen den traditionellen und modernen Commons auffordert. Er schreibt hier, dass „eine universelle Vernetzbarkeit und damit gesellschaftliche Verallgemeinerbarkeit erst auf Grundlage der neuen Commons möglich [ist].“ Und weiter: „Nun erst ist es möglich, an eine commonsbasierte Aufhebung der Warenproduktion zu denken. Nebenbei gesagt widerspreche ich damit auch Vorstellungen, die von einem gleichsam beliebigen Ausstieg aus dem Kapitalismus oder von einem Â»Ăœberspringen« der kapitalistischen Entwicklungsphase etwa auf Grundlage der unter feudalen VerhĂ€ltnissen historisch gewachsenen Commons ausgehen. Erst die kapitalistische Entwicklung ermöglichte die Entstehung und Entfaltung der neuen Commons — technologisch wie auch sozial“ (Meretz: Die doppelten Commons. Hervorheb. M.M.).

Trotzdem bilden Meretz und SutterlĂŒtti ihre Keimform aus einer Reflexion ĂŒber die Solidarische Landwirtschaft, in welcher die Konsumierenden die Produktion mitbestimmen und die Produzierenden sich nicht an der Marktkonkurrenz messen mĂŒssen. Obwohl die Solidarische Landwirtschaft immer noch abhĂ€ngig von dem Geld und dem Wohlwollen der Konsumenten ist und sie explizit auch sagen, dass „dieses Commoning jedoch nur dadurch [funktioniert], dass die Menschen in unmittelbare interpersonale Beziehungen gehen“ (M/S, S.218. Hervorheb. M.M.), wollen sie damit eine „allgemeine Logik“ (ebd.) verdeutlichen und daraus folgt ihre Keimform, aus welcher folgend eine gesellschaftlich allgemeine Struktur durch „verabredete Außerkraftsetzung der exkludierenden Wirkung des Eigentums“ (M/S, S.223) heranwachsen soll.

Dass die beiden Autoren ihre Keimform aus bestehenden Commons schließen, sehe ich als Ursache, warum sie transpersonales Commoning nicht ausreichend bestimmen können. Aus dem Grund soll der Gedanke, dass Commons lokale, in sich geschlossene und fĂŒr sich wirtschaftende Gruppen sind, an dieser Stelle fallengelassen werden, um Commoning spĂ€ter neu fassen zu können. Weiter meine ich, dass Meretz und SutterlĂŒtti darauf hoffen, TranspersonalitĂ€t wĂŒrde aus ihrer Keimform Ă€hnlich entstehen, wie sie sich im Kapitalismus aus dessen Keimform entwickelt hat, halte das aber, wie ich folgend aufzeigen will, fĂŒr eine falsche FĂ€hrte.

2. Keimform und Vermittlung#

Die Keimform des kapitalistischen Systems sehen Meretz und SutterlĂŒtti, wie auch Marx („Der erste Blick zeigt das UnzulĂ€ngliche der einfachen Wertform, dieser Keimform, die erst durch eine Reihe von Metamorphosen zur Preisform heranreift“, MEW23, S.76. Hervorheb. M.M.), im „jeweils besonderen lokalen und [von] sozialen variablen Bedingungen bestimmten Tausch“ (M/S, S.207), aus dem sich der Äquivalententausch „als gesellschaftlich allgemeine Vermittlungsform entwickelt“ (ebd.). Als Äquivalent steckt im Wert eine bestimmte Gesellschaftlichkeit, welche sich ĂŒbersetzen lĂ€sst mit: Voneinander abhĂ€ngige, unabhĂ€ngig Produzierende. Voraussetzung fĂŒr die Entstehung von Wert ist das Privateigentum. Die Dinge, die jemandem gehören, sind fĂŒr diese Person GebrauchsgegenstĂ€nde, gleichgĂŒltig ob sie gerade verwendet werden oder nicht. Hat eine andere Person – Freunde und Familie ausgeklammert – ein Interesse an einem dieser GebrauchsgegenstĂ€nde und hat die EigentĂŒmerin ein Interesse es zu verkaufen, dann wechseln sie fĂŒr ihre EigentĂŒmerin den Charakter: Statt sich jetzt auf die Dinge als Gebrauchswerte zu beziehen, erhalten sie eine Wertform, das heißt, die EigentĂŒmerin ĂŒberlegt, was sie an Geld dafĂŒr verlangen kann. Dasselbe Ding hat aus zwei Perspektiven einen jeweils anderen Charakter: Einmal einen Gebrauchswert, einmal einen Tauschwert. Diesen Effekt nennt Marx den Doppelcharakter der Waren. Die Waren sind immer beides, aber sie sind es nie gleichzeitig (vgl. MEW23, S.63).

Die transpersonale Vermittlungsform entsteht im Kapitalismus, indem schon die einfache Wertform, d.h. der variable Tausch, dem einzelnen Ding eine abstrakte Eigenschaft zuschreibt, welche es in ihrer Entwicklung zur Geldform mit anderen Dingen auf rein quantitativer Ebene vergleichbar macht. Hierdurch wird die weltumfassende kapitalistische Organisationsform ermöglicht, aber damit entsteht auch eine VerselbststĂ€ndigung der Gesellschaft und eine besondere Form der Ideologie. Um eine Gesellschaft bewusst und nach den BedĂŒrfnissen ihrer Mitglieder organisieren zu können, dĂŒrfen die Dinge nur ihrer NĂŒtzlichkeit zur BedĂŒrfnisbefriedigung nach betrachtet werden. In seinem Kapitel ĂŒber den Warenfetisch beschreibt Marx den Verein freier Menschen und umreißt hier eine Gesellschaftsordnung, in welcher kein Wert und keine Ware entsteht:

"Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten.* Nur zur Parallele mit der Warenproduktion *setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit wĂŒrde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmĂ€ĂŸige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen BedĂŒrfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distributions." (Marx, MEW23, S.93)

In der skizzierten Produktionsform entsteht kein Wert, weil die Menschen zusammen arbeiten – das heißt, nicht als unabhĂ€ngigen Produzenten einander gegenĂŒbertreten –, die Produkte unter kollektiver VerfĂŒgung stehen („gesellschaftliches Produkt“) und, anstatt zu tauschen, ihre Produkte durch einen allgemein-verstĂ€ndlichen SchlĂŒssel untereinander verteilen. Wie Marx hervorhebt ist der verwendete SchlĂŒssel „Arbeitszeit“ nur beispielhaft zu verstehen. Was er aber damit andeutet ist, dass es einen gemeinsamen Bezugspunkt gibt: Um den Anteil am Gesamtprodukt durch individuelle Arbeitszeit errechnen zu können, muss die sowohl das Gesamtprodukt als auch die Gesamtarbeitszeit bekannt sein.

Über diesen gemeinsamen Bezugspunkt muss geredet werden; ob es das braucht, was das ist. HierfĂŒr mĂŒssen wir uns ansehen, wie bei Meretz und SutterlĂŒtti in der Inklusionsgesellschaft vermittelt wird, wenn die Basis dieser Gesellschaft Freiwilligkeit und kollektive VerfĂŒgung ist. Im Kapitel „Vermittlung durch Commoning“ (M/S, S.169- 189) ist dabei auffĂ€llig, dass interpersonale und transpersonale Vermittlung stark voneinander getrennt gedacht werden. Die ÜbergĂ€nge sind dabei nur angedeutet und teils widersprechen sich die beiden Formen. Etwas Gemeinsames, wie es im Kapitalismus das allgemeine Äquivalent und im Feudalismus der lokale Herrscher bzw. eine gemeingĂŒltige Herrschaftsstruktur ist, wird dabei ausgeschlossen.

Zuerst ist die Keimform „Inklusionsbedingungen auf interpersonaler Ebene“ (M/S, S.219) ganz klar interpersonal gesetzt. Zur BegrĂŒndung stellen die Autoren eine These auf: „Wenn die Gesellschaft wirklich bewusst nach den BedĂŒrfnissen der Menschen gestaltet werden soll, dann muss das durch konkrete Menschen in konkreten Beziehungen geschehen. Und konkrete Beziehungen können nur unmittelbare, interpersonale sein“ (M/S, S.172. Hervorheb. M.M.). Ein vermittelndes Etwas wird hier also ausgeschlossen. Wenn sie schließlich ĂŒberlegen, wie ohne Ă€ußere Vermittlung vermittelt werden kann und sie dabei auf die Hinweise (BedĂŒrfnisspuren) in den Mitteln selbst kommen, welche eine bestimmte Handlungsweise nahelegen, werden sie noch konkreter im Ausschluss eines gemeinsamen Etwas: „TrĂ€ger der hinweisbasierten Koordination sind die materiellen, symbolischen und sozialen Mittel, die wir schaffen und erhalten. Sie sind nicht getrennt von der Vermittlung, sondern ein Teil von ihr“ (M/S, S.177. Hervorheb. M.M.) Demzufolge wird auch die Selbstzuordnung zu den TĂ€tigkeiten weiter lokal gedacht: „Grundlage der Selbstzuordnung sind lokale Informationen [
]. Kommuniziert beispielsweise das lokale MĂŒllentsorgungs-Commons einen Bedarf nach weiteren Beitragenden, kann ich mich hier zuordnen“ (M/S, S.178, Hervorheb. M.M.).

Transpersonale Vermittlungen werden weit weniger konkret angesprochen, was in der Hinsicht Sinn ergibt, da die Autoren ja in ihrer Keimformtheorie genau in der Ausbildung des Transpersonalen steckenbleiben. Soweit wird aber gesagt, dass die transpersonale Vermittlung durch qualitativ verschiedenartige Informationen geschieht (Bandbreite, M/S, S.179). Sie grenzen sich damit von der rein quantitativen Vermittlung im Kapitalismus ab, die nur den abstrakten Wert bzw. seine Erscheinung als Preis kennt. Um die notwendige Bandbreite zu gewĂ€hrleisten kann ihrer Meinung nach „das Internet einen wichtigen Beitrag leisten“ (ebd.). In diesem Kontext wird auch Selbstzuordnung nicht mehr nur lokal gedacht: „Die commonistisch-stigmergische inklusive BedĂŒrfniskoordination muss auf Basis von qualitativen, reichhaltigen Informationen geschehen. Globale, offene Informationen erlauben es den Einzelnen, dort tĂ€tig zu werden, wo BedĂŒrfnisse besser als anderswo befriedigt werden können. Reichhaltige Signale erlauben eine komplexe BedĂŒrfnisvermittlung“ (M/S, S.180). SpĂ€testens die Voraussetzung fĂŒr das von Meretz aufgestellte stigmergische Gesetz (M/S, S.181), verlĂ€sst schließlich die lokale Ebene und die unmittelbaren konkreten Beziehungen: „Gibt es ausreichend Menschen und Commons, so wird sich fĂŒr jede Aufgabe, die getan werden muss, auch eine Person oder ein Commons finden“ (ebd.).

Der Übergang wird vom Interpersonalen aus zum Transpersonalen gedacht. Die ersten Momente des Transpersonalen sehen sie dabei wieder in den Mitteln selbst: „Eine Inklusionslogik wirkt nicht abstrakt, sondern schreibt sich in die materiellen, symbolischen und sozialen Mittel und somit in die Bedingungen unseres Lebens ein. Das bedeutet auch, dass die Einzelnen nicht die BedĂŒrfnisse aller anderen stĂ€ndig in einem bewussten Prozess im Blick haben und inkludieren mĂŒssen – das wĂ€re in transpersonalen Verbindungen auch gar nicht möglich“ (M/S, S.171). Aber nicht nur die Mittel, sondern auch die Strukturen sollen bei der Inklusion helfen: „Die Strukturen einer freiwilligen und kollektiv-verfĂŒgenden gesellschaftlichen Kooperation erleichtern uns nicht nur die Inklusion anderer Menschen, sondern legen sie uns auch nahe“ (M/S, S.172). Aus welcher Ebene entstehen die Strukturen und wie werden die Mittel mit den zu-befriedigenden-BedĂŒrfnissen beschrieben? „Selbstorganisation muss auf interpersonaler wie auf transpersonaler Ebene verwirklicht sein. Auf transpersonaler Ebene ist sie jedoch keine bewusste Zwecksetzung eines weltweiten Plenums, Zentralplangremiums oder Weltrats, sondern sie ist das emergente, also sich ergebende PhĂ€nomen der interpersonalen Selbstorganisation und ihrer Vermittlung“ (M/S, S.175, Hervorheb. M.M.).

Warum soll die transpersonale Ebene keine bewusste Selbstorganisation sein, sondern sich als PhĂ€nomen ergeben? Die Antwort findet sich in einer These zu Meretz und SutterlĂŒttis Vorstellung einer institutionellen Allgemeinheit: „Im Commonismus wird es wohl keine zentrale Institution geben, welche BedĂŒrfnisse vermittelt, Infrastrukturen bereitstellt oder Selbstorganisation ermöglicht“ (M/S, S.181). Wird weiterverfolgt, warum es wohl keine zentrale Institution geben soll, zeigt sich, dass Meretz und SutterlĂŒtti unter einer Institution – ebenso wie jeder anderen Ă€ußeren Allgemeinheit – immer ein handelndes Subjekt verstehen, in welcher einzelne Menschen die Macht haben, allgemeingĂŒltige Entscheidungen zu treffen (etwa: „Eine Institution der getrennten Allgemeinheit muss ihre Entscheidungen fĂŒr allgemein richtig erachten“ [M/S, S.186] oder „die Institution [kann] niemanden zur TĂ€tigkeit zwingen“ [M/S, S.187], etc.) Auf dieser Basis erteilen sie schließlich einer „allgemeinen Institution“ (ebd.) und ebenso einer „ZentralitĂ€t der gesellschaftlichen Organisation“ (ebd.) eine Absage. FĂŒr sie stellt sich „Allgemeinheit nicht in einer getrennten Institution her, sondern ist das Produkt vieler dezentraler Entscheidungen und Handlungen oder, was das gleiche ist: das Produkt der Entscheidungen polyzentraler Institutionen und der Vielheit der Commons“ (ebd.).

Die Entscheidung gegen eine gemeinsame Instanz fĂ€llt also nur aus dem Grund, weil Meretz und SutterlĂŒtti diese immer als personelle Institution denken und dabei immer als getrennte Einrichtung gegenĂŒber anderen. Um das zu vermeiden, nehmen sie in Kauf, dass die transpersonale Ebene eben keine bewusste Selbstorganisation sein kann. Das können sie allerdings nur in Kauf nehmen, weil sie auf ein PhĂ€nomen hoffen, durch welches „Inklusionsbedingungen – wie im Kapitalismus die Exklusionsbedingungen – konkret im Alltagshandeln der Menschen durch die Mittel hindurch [wirken]“ (M/S, S.171). Meiner Ansicht nach ĂŒberschĂ€tzen hier die Autoren, wie die Logik der kapitalistischen Gesellschaft sich als Handlungsaufforderungen in die Mittel schreibt (vgl. M/S, S.169) und unterschĂ€tzen die durch den Wert entstehende Organisationsmöglichkeit im Kapitalismus, in dem jedes Ding quantisiert und als bestimmte ZahlengrĂ¶ĂŸe miteinander vergleichbar wird. Das allgemeine Äquivalent ermöglicht erst diese spezifische transpersonale Vermittlung. Es entsteht durch die Getrenntheit der Dinge als Privateigentum, durch ihre Kopplung an eine Person oder Personengruppe: „Die Waren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen“ (MEW23, S.99). Bei kollektiver VerfĂŒgung dagegen entsteht nichts WertĂ€hnliches und darf nicht entstehen: Durch den abstrakten Charakter im Kapitalismus entsteht eine Ideologie, in welcher die gesellschaftliche Organisation als Ganzes grundlegend falsch begriffen wird, dieser Trugschluss allerdings Teil der NormalitĂ€t ist.

Wenn es nicht abstrakt sein darf und trotzdem eine transpersonale Vermittlung hervorbringen soll, dann muss es konstruiert werden. Was also wissen wir bisher ĂŒber dieses Gemeinsame? Dieses Gemeinsame soll Selbstorganisation zur BedĂŒrfnisbefriedigung ermöglichen, wenn die Befriedigung von BedĂŒrfnissen innerhalb lokaler, der jeweiligen Person bekannten, Strukturen nicht möglich ist. Diese zu befriedigenden BedĂŒrfnisse mĂŒssen daher allgemein einsehbar werden. Innerhalb der Vermittlungsform dĂŒrfen durch einzelne Personen keine allgemeingĂŒltigen Entscheidungen getroffen werden. Ebenfalls darf die Vermittlungsform kein Potential haben, sich gegenĂŒber der Menschen selbst zu verselbststĂ€ndigen. Sie muss global und transparent sein. Sie muss eine allgemeingĂŒltige Zwecksetzung der Produktions- und Lebensmittel ermöglichen – dasselbe Ding darf nicht zur selben Zeit unterschiedliche Bestimmungen haben – und gleichzeitig eine Diskussion ĂŒber diese Verwendung unterstĂŒtzen. Kurz gesagt wird eine gemeinsame Instanz zur Selbstorganisation und zur Zwecksetzung von Mitteln benötigt.

3. Die Phasen der kapitalistischen Produktion#

Wollen wir ĂŒber Produktion nach BedĂŒrfnisbefriedigung und wie es sich in der Gesellschaft etablieren kann nachdenken, dĂŒrfen wir zu keiner Zeit den Markt und den Kapitalismus ausblenden. Wenn Christian Siefkes in seinem Artikel „Das Geld, eine historische Anomalie?“[2] auch als gesellschaftlich Gemeinsames auf dem allgemeinen Äquivalent beharrt, hat er mit diesem Artikel ausreichend aufgezeigt, dass Tausch in vor-kapitalistischen Gesellschaften immer eine Rolle gespielt hat, ohne, dass dieser sich verselbststĂ€ndigte. Es kann auch nicht das Ziel sein den Tausch komplett abzuschaffen oder gar zu verbieten. So lange Privateigentum existiert, brĂ€uchte es ein totalitĂ€res Regime um den Tausch zu unterbinden. Sich zur Sicherung der eigenen Existenz tauschförmig aufeinander zu beziehen, muss daher subjektiv seinen Sinn verlieren. Der Markt muss von seiner dominanten Rolle innerhalb der Gesellschaft verdrĂ€ngt werden, was nicht bedeutet, dass er nicht mehr existieren darf. Das ist der erste Grund, warum wir uns noch einmal nĂ€her mit der kapitalistischen Produktionsweise beschĂ€ftigen mĂŒssen. Der zweite Grund ist, dass fortschrittliches Commoning, und damit auch diese gemeinsame Instanz, aus dem Kapitalismus herausfĂŒhren soll, aber erst durch den Kapitalismus sowohl technisch als auch sozial ĂŒberhaupt ermöglicht wurde.

Im ersten Teil meiner BroschĂŒre „Das Kapital und die Commons“[3] habe ich mich ausfĂŒhrlicher mit der kapitalistischen Produktionsweise beschĂ€ftigt und wie sie aus der Keimform Wert heraus entwĂ€chst. Der Prozess, in dessen Mittelpunkt das allgemeine Äquivalent Geld steht, kann hier selbstverstĂ€ndlich nur umrissen werden. Kapital lĂ€sst sich dabei knapp als die zeitliche Bewegung von Geld zu mehr Geld fassen. Die Formel des Kapitals dafĂŒr lautet „Geld – Ware – mehr Geld“, kurz G – W – G‘, wobei G < G‘. Produktionskapital nutzt fĂŒr diese Bewegung von einer bestimmten Menge des allgemeinen Äquivalentes Geld zu einer grĂ¶ĂŸeren Menge davon die menschliche FĂ€higkeit zu arbeiten in ihrer Form als Ware, der Ware Arbeitskraft. Der Mensch, der seinen Körper stundenweise als Ware verkauft hat, wird als Variable in diesem Prozess eingeordnet und muss richtig angewendet werden, damit das Geld sich auch wirklich vermehrt. HierfĂŒr werden Arbeitskraft und private Produktionsmittel im Produktionsprozess so miteinander verbunden, dass am Ende einer Produktionsperiode ein höherer Wert geschaffen wird, als die Produktion selbst gekostet hat. In nĂ€herer Betrachtung durchlĂ€uft das Produktionskapital drei Phasen: Geldkapital, produktives Kapital und Warenkapital. (vgl. MEW24, erste Kapitel)

[FORMEL]

  1. Im ersten Schritt ist das Kapital Geldkapital. Der Kapitalist benutzt eine Geldmenge (G) und investiert sie in private Produktionsmittel (pPm) und in Arbeitskraft (Ak), welche ihm auf dem Markt ebenfalls als Ware erscheint. So treten sich KĂ€uferin und VerkĂ€uferin der Arbeitskraft zwar als gleichgestellte BĂŒrgerinnen gegenĂŒber, wobei die KĂ€uferin der Arbeitskraft, sprich Kapitalistin, zugleich EigentĂŒmerin der Produktionsmittel ist.

  2. Nachdem das Kapital Geldkapital war, wird es zum produktiven Kapital. In der Produktion vergeht Zeit (
P
), wÀhrend die Kapitalistin die Lohnarbeiter ihren Gebrauchswert nach verwendet, diese also an den Produktionsmitteln neue Waren erzeugen lÀsst.

  3. Nachdem das Kapital produktives Kapital war, wird es zum Warenkapital. FĂŒr eine erfolgreiche Produktion mĂŒssen die neu produzierten Waren (W‘) dabei am Markt mehr Geld (G‘) einbringen, als die Kapitalistin fĂŒr Produktionsmittel und Arbeitskraft als Ware gezahlt hat (G bzw. W). EigentĂŒmerin der neu hergestellten Ware ist die Kapitalistin, da sie im Produktionsprozess auch EigentĂŒmerin der Produktionsmittel und der Arbeitskraft war. Die Differenz zwischen G und G‘ ist der Mehrwert (Mw) der Kapitalistin.

Damit die kapitalistische Produktionsweise gesellschaftlich bestimmend werden konnte, mussten die fĂŒr die Reproduktion notwendigen Dinge den Lohnarbeitern und Kapitalisten bereits in der Warenform, d.h. fĂŒr Geld kĂ€uflich, gegenĂŒbergetreten. Die Bedingung der kapitalistischen Warenproduktion ist somit das Vorhandensein der Warenproduktion ĂŒberhaupt. Ein einzelner Produktionskreislauf ist immer davon abhĂ€ngig, dass andere Unternehmen existieren, die sowohl die Produktionsmittel herstellen, sowie die Konsumtionsmittel fĂŒr die Lohnarbeiter und Kapitalisten, welche sie wĂ€hrend des Produktionsprozesses verbrauchen.

Zweimal werden dabei die Dinge innerhalb eines einzelnen Produktionsprozess zu Werten: Zum ersten Mal vor der Produktion fĂŒr die PrivateigentĂŒmer der Waren, wenn die Kapitalistin sie kaufen möchte und zum zweiten Mal nach der Produktion fĂŒr die Kapitalistin, wenn jemand anderes ein Interesse am Gebrauchswert der Produkte hat. Durch den Kauf taucht eine einzelne kapitalistische Produktion so aus der WertsphĂ€re auf, spannt einen Rahmen der abstrakten Arbeit, in dem Lohnarbeiter kooperativ zum gemeinsamen Zweck der Warenproduktion tĂ€tig sind, und taucht mit dem Verkauf der Waren wieder in die WertsphĂ€re ab. Innerhalb dieses Rahmens, d.h. innerhalb eines Unternehmens selbst, wird außerhalb der WertsphĂ€re kooperiert, wenn der Zweck auch nicht die BedĂŒrfnisbefriedigung, sondern die Erschaffung eines Mehrwertes, sprich Profits, fĂŒr eine nicht in diesem Rahmen gefassten Person bzw. Personengruppe ist.

4. Situation der LohnabhÀngigen#

Um die Transformation des kapitalistischen Systems durch Commoning denken zu können, brauchen wir den Begriff der Klasse. Auf Klassen wird in „Kapitalismus aufheben“ kaum eingegangen und es ist verstĂ€ndlich in dem Sinne, dass im traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus diesen zu viel Aufmerksamkeit gegeben wurde. Besonders die Gruppe Krisis hat das mit ihrem Grundlagentext „Der Klassenkampf-Fetisch“[4] herausgearbeitet: „Die Warenform und der in ihren produktiven Kern eingeschlossene Fetischismus sind die wirklichen Wesenskategorien des KapitalverhĂ€ltnisses, Klassen und Klassenkampf hingegen die OberflĂ€chenerscheinungen dieses Wesens. [
] Der herkömmliche „Klassenkampf“ beinhaltet also nicht das Durchschauen des Fetischismus und die Befreiung davon, sondern er ist im Gegenteil die Bewegungsform des Fetischismus selbst, die wiederum identisch ist mit der Selbstbewegung des Kapitals; denn nur als Verwertung des Werts kann der Warenfetisch zur gesellschaftlichen TotalitĂ€t aufsteigen.“ Aber die Feststellung, dass Kapitalismus keine Klassenherrschaft ist, bedeutet nicht, dass die Klassen darin keine Rolle spielen wĂŒrden. Wenn Meretz und SutterlĂŒtti daher schreiben, „der Kapitalismus basiert auf einem Arbeits- oder Leistungsprinzip: Ich erhalte nur Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, wenn ich etwas leiste“ (M/S, S.37.), dann ist das in gewisser Weise und mit einem breit aufgestellten Leistungsbegriff nicht falsch, aber von absoluter Bedeutung wĂ€re hier noch, inwiefern Arbeit bzw. Leistung mit dem Anteil am gesellschaftlichen Reichtum zusammenhĂ€ngt. Streng nach Marx sind dabei die einfachen Momente eines Arbeitsprozesses, unabhĂ€ngig von jeder Gesellschaftsform, die zur Erzeugung von Gebrauchswerten (vgl. MEW23, S.192) „zweckmĂ€ĂŸige TĂ€tigkeit [...] ihr Gegenstand und ihr Mittel.“ (MEW23, S. 193). Im reinen kapitalistischen Produktionsprozess wird dabei Arbeit nur durch Lohnarbeiter durchgefĂŒhrt, wĂ€hrend Kapitalisten die Gesellschaft der Tausch- und Verwertungslogik nach organisieren und die Ausbeutung der Lohnarbeit durch Mehrarbeit ihre Lebensgrundlage ist. Die Vorstellung einer Leistungsgesellschaft, in der es ein – nach alltĂ€glicher Auffassung und nicht nach Tauschlogik definiertes - „faires“ VerhĂ€ltnis von Leistung und Anteil am gesellschaftlichen Reichtum gibt, ist eine zutiefst bĂŒrgerliche Ideologie. Das bedeutet nicht, dass Unternehmer und Investoren nichts tun wĂŒrden, nur steht das, was sie dafĂŒr bekommen, in keinem VerhĂ€ltnis zu einem normalen Arbeitslohn.

Warum interessiert uns das? Weil klar sein muss, dass Lohnarbeit immer Mehrarbeit mit einschließt. Kapital ist eine Organisationsform von Menschen. Die Ausbeutung mag aus mancher Perspektive nur ein „weiteres Moment der Exklusion“ (M/S, S.37) sein, aber die Auswirkungen sind enorm. Menschen im Zustand der LohnabhĂ€ngigkeit können ihre eine Ware, die Arbeitskraft, nicht ĂŒber Monate hinweg einlagern und auf die passende KĂ€uferin warten, sondern mĂŒssen sie zu notfalls miserablen Bedingungen verkaufen. Sie werden so in Unternehmensstrukturen eingegliedert, welche aus der Verwertungslogik heraus entstehen, das heißt zur Organisation von ArbeitskrĂ€ften als Variable zur Geldvermehrung. „Der Wert der Arbeitskraft, gleich dem Wert jeder anderen Ware, ist bestimmt durch die zur Produktion, also auch Reproduktion, dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit“ (MEW23, S.184). Durch die Wechselwirkung zwischen Arbeitern und Arbeitslosen ist dieser Wert der Arbeitskraft tendenziell die Höhe der anfallenden Kosten, die eine Lohnarbeiterin fĂŒr ihre Reproduktion und die ihrer Nachkommen im Produktionszeitrum benötigt. Der Arbeitstag ist dabei tendenziell so lange, dass die Lohnarbeiterin gerade noch genĂŒgend Zeit fĂŒr ihre ReproduktionstĂ€tigkeiten und Erholung findet. Egal, wie fortschrittlich die Produktionsmittel sind, die Arbeitswoche verĂ€ndert sich fĂŒr die LohnabhĂ€ngigen kaum bis niemals; sie sind vom gesellschaftlichen Fortschritt entkoppelt (vgl. etwa MEW23, S.666-670).

Deutlich wird es in einer Aussage von Robert Owen, die Friedrich Engels in „Der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (MEW19) zitiert. Owen, der sich zum EigentĂŒmer einer Baumwollspinnerei hochgearbeitet hat und spĂ€ter versuchen wird eine kommunistische Kolonie in Amerika zu grĂŒnden, geht dabei folgendem Gedanken nach: „Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2.500 Menschen ebensoviel wirklichen Reichtum fĂŒr die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert vorher eine Bevölkerung von 600.000 erzeugen konnte. Ich frug mich: Was wird aus der Differenz zwischen dem von 2.500 Personen verzehrten Reichtum und demjenigen, den die 600.000 hĂ€tten verzehren mĂŒssen?" (MEW19, S.198). Das war vor etwa 200 Jahren. Heute ist eine 40-Stunden-Woche so normal, dass wir nicht im geringsten begreifen können, wie wenig Arbeit eigentlich notwendig wĂ€re, um unsere Lebensbedingungen in einer klassenlosen Gesellschaft herzustellen. Denn sich im Rahmen einer niemals weniger werdenden Arbeitswoche zu bewegen ist die Situation einer Klasse, nicht die einer Gesellschaft. Ob sich die Kapitalisten ihrer Rolle bewusst sind, ob sie den sachlichen ZwĂ€ngen gerne oder nicht nachgehen, spielt fĂŒr die Situation der LohnabhĂ€ngigen keine Rolle.

5. Ausdehnung und Aufhebung der kapitalistischen Produktion#

Die Kraft zur Gesellschaftsgestaltung erhĂ€lt die kapitalistische Produktionsweise dabei aus dem Zwang zur stĂ€ndigen Lohnarbeit zu vorgegebenen Bedingungen auf Seite der LohnabhĂ€ngigen. Da jeder erfolgreiche Produktionsprozess mit einer grĂ¶ĂŸeren Geldmenge aufhören muss, als mit der er angefangen hat, kann und darf eine Produktion niemals stillstehen und muss gegenĂŒber der Konkurrenz immer effektiver werden, um zu bestehen. Diese Effizienzsteigerung bedeutet tendenziell – es mĂŒssen nicht immer alle Momente zutreffen -, eine VerlĂ€ngerung des Arbeitstages, einen erhöhten Zeitdruck, monotonere TĂ€tigkeiten, geringere Löhne bei Neueinstellungen oder auch schlicht den Verlust des Arbeitsplatzes wegen des Ankaufs eines moderneren Produktionsmittels. Ist die kapitalistische Produktionsweise einmal gesellschaftlich etabliert kann die Warenproduktion durch Selbstarbeit oder der reinen Handel mit ÜberschĂŒssen nicht mehr mit den immer billigeren Preisen der kapitalistischen Unternehmen mithalten. Kapital drĂŒckt den Wert eines jeden Produktes herab und bemĂ€chtigt sich schließlich seiner Umgebung, welche dieser Verbilligung nicht standhalten kann. WĂ€hrend der Kapitalismus so althergebrachte Grenzen ĂŒberschreitet, baut er neue auf. Besondere Bedeutung im Transformationsprozess haben hierbei die Trennungen Arbeit/Freizeit, Produktion/Reproduktion und Ökonomie/Politik (vgl. M/S, S.38).

In seinem Kapitel ĂŒber die Tendenzen der ursprĂŒnglichen Akkumulation beschreibt Marx sehr farbig, wie die kapitalistische Produktionsweise in eine neue QualitĂ€t ĂŒbergeht: „Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblĂŒht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unvertrĂ€glich werden mit ihrer kapitalistischen HĂŒlle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlĂ€gt. Die Enteigner werden enteignet.“ (MEW23, S.791) Kurz darauf stellt er die Errungenschaften der kapitalistischen Ära dar, welche diesen Prozess möglich machen: Die Kooperation, der Gemeinbesitz der Erde und die durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel (ebd.).

Das Kapital ist keine Bibel und nicht jeder Gedanke zur Transformation muss mit dem konform sein, was Marx sich gedacht hat. Aber in diesem Zusammenhang interpretiert lassen sich daraus drei Bedingungen herauslesen, an denen eine herrschaftsfreie Gesellschaft anknĂŒpfen kann: 1. Kooperation wird heute generell durch Kapitalisten in gegeneinander-stehenden Strukturen organisiert, kann aber zukĂŒnftig im Rahmen einer Peer-Produktion durch die Produzierenden auf Augenhöhe geschehen. 2. Gemeinbesitz der Erde entsteht aus der zunehmenden Erschließung der Dinge als privates Eigentum, fortlaufend der Zentralisation der Zugriffsmacht darauf in immer weniger HĂ€nden und der Anwendung dieser Dinge schließlich als kapitalistisches Eigentum, an dem die stetig wachsende Zahl der Eigentumslosen gemeinsam arbeitet, aber als wachsende Masse dieser stetig sich verkleinernden Zahl an Kapitalisten gegenĂŒber steht. 3. Die durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel helfen die Dauer der notwendigen Arbeit immer weiter zu reduzieren, auch wenn es im Kapitalismus, in welchem Arbeitskraft unabhĂ€ngig davon maximal verwertet werden muss und das fĂŒr LohnabhĂ€ngige diese statische Arbeitswoche bedeutet, kaum spĂŒrbar ist.

Die „Enteignung der Enteigner“: Mit den Enteignern sind selbstverstĂ€ndlich die Kapitalisten gemeint, welche durch die alltĂ€gliche Enteignung der Produzierenden vom Wert ihrer Arbeit leben und in deren HĂ€nden sich das Privateigentum zentralisiert. Eine gĂ€ngige Interpretation wĂ€re die ÜberfĂŒhrung der Werte in die HĂ€nde der LohnabhĂ€ngigen. Der Wert in den HĂ€nden von wem-auch-immer, bzw. sogar der Wert selbst, ist aber das grundlegende Problem von Macht und Herrschaft in einer vom Markt bestimmten Gesellschaft. WĂŒrde allerdings nur versucht werden diese sachliche Herrschaft in irgendeiner Weise abzuschaffen, wĂ€re damit noch keine Herrschaftsfreiheit erreicht: „Jedes Individuum besitzt die gesellschaftliche Macht unter der Form einer Sache. Raubt der Sache diese gesellschaftliche Macht, und ihr mĂŒsst sie Personen ĂŒber die Personen geben“ (MEW42, S.91). Die Dinge (Produktions- und Lebensmittel) dĂŒrfen daher nicht einfach nur „frei“ vom Wertcharakter sein – so könnten sie wieder als Privateigentum erschlossen bzw. Menschen auf andere Weise von ihnen ausgeschlossen werden -, sondern mĂŒssen in eine Struktur eingeordnet werden, in welcher sie exklusiv fĂŒr die Verwendung zur Befriedigung von in der Gesellschaft vorhandenen BedĂŒrfnissen bestimmt sind. Die Enteignung findet zwar fĂŒr die EigentĂŒmer auf Wertebene real statt, aber bedeutet gleichzeitig die ÜberfĂŒhrung des enteigneten Dinges in eine Gesellschaftsform, in der sich niemand mehr als EigentĂŒmer darauf beziehen kann. Ein Wert entsteht hier nicht mehr, da die Dinge unter kollektiver VerfĂŒgung stehen, es also bei den ĂŒberfĂŒhrten Dingen keine Getrenntheit im Sinne des privaten Eigentums mehr gibt. Das Haus verliert in dieser neuen Struktur also seinen Wertcharakter und damit seinen Verwendungszweck zur Verwertung (Geldvermehrung), erhĂ€lt dafĂŒr den Verwendungszweck der BedĂŒrfnisbefriedigung.

6. Die Commons-Struktur#

„FĂŒr uns ist Utopie zentral eine soziale Utopie, eine Utopie der Beziehungen, keine technische Utopie [
]. Unsere menschliche Potenz liegt sicherlich auch in der Herstellung von technischen Mitteln, doch noch viel beeindruckender sind die menschlichen Möglichkeiten, ihre sozialen Mittel, ihre Beziehungen, ihre Vermittlung, ihre Organisation zu gestalten.“ (M/S, S.112)

Wenn auch die Potenz des Menschen in der Gestaltung seiner Beziehungen liegt, bleibt das jeweils eigene Bewusstsein immer eingeschrĂ€nkt: Wir können nichts wissen, was wir nicht zuvor auf irgendeine Weise erfahren haben. Da sich komplexe Arbeitsstrukturen nicht von selbst erschließen lassen, die Gesellschaft aber nicht von einer höheren Institution aus organisiert werden soll, mĂŒssen die Produktions- und Verteilungsstrukturen durch technische Mittel durchsichtig und beeinflussbar gemacht werden. Es geht folgend nicht um eine technische Utopie – die Hoffnung etwa, im Verlauf des Kapitalismus wĂŒrde auf magische Weise der Punkt kommen, an dem jede Arbeit durch Maschinen getĂ€tigt wird und Menschen einander nicht mehr ausbeuten mĂŒssen – sondern um die Anwendung der bestehenden Technik fĂŒr die Utopie, damit die „neue erfahrbare QualitĂ€t der gesellschaftlichen Aufgehobenheit und Abgesichertheit“ (M/S, S.112) aus einer neuen Produktionsweise hervorgehen kann.

Transpersonales Commoning soll daher neu gedacht werden, wodurch sich allerdings der Boden des interpersonalen Commonings grundlegend Ă€ndert. Und wenn sich auch dieser Boden verĂ€ndert, werden die auf dieser Ebene von Meretz und SutterlĂŒtti beschriebenen Strukturen nicht in Frage gestellt. Da kollektive VerfĂŒgung nichts Wert-Ă€hnliches hervorbringt, das aus sich heraus transpersonal wirken kann, wird ein Rahmen konstruiert, in welchem Selbstorganisation stattfindet und mit der interpersonalen Ebene den gesamtgesellschaftlichen Raum im Sinne einer Inklusionslogik ausfĂŒllen kann. Die Instanz der transpersonalen Vermittlung muss dabei nicht nur Selbstorganisation ermöglichen, sondern ĂŒber sie mĂŒssen auch die Dinge den Verwendungszweck zur Befriedigung gesellschaftlicher BedĂŒrfnisse erhalten, welcher der Werteigenschaft und und ihrer Verwertungslogik entgegen steht.

Was kann also als gemeinsame Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung gesellschaftlicher Mittel dienen? In seiner ganzen TrivialitĂ€t: Ein Programm, eine Internet-basierte Software Was heute so banal erscheint, dass es kaum ausgesprochen werden will, ist eine gĂ€nzlich neue BanalitĂ€t, eine, die erst seit wenigen Jahren in einer abertausende Jahre umfassenden Menschheitsgeschichte ĂŒberhaupt erfahrbar ist. Das Bewusstsein klebt am Stand der Produktions- und Kommunikationsmittel. Was einst fortschrittlich war, ist heute rĂŒckstĂ€ndig. Was heute Alltag ist, kann etwas sein, auf das Millionen Menschen warteten, die sich nach einer ausbeutungsfreien Gesellschaft gesehnt haben. Die globale Vernetzung der Produzierenden ĂŒber das Internet, das Potential Produktions- und Lebensmittel mit ihren Meta-Daten von Standort, Zustand bis zur VerfĂŒgbarkeit in Datenbanken abzuspeichern und weltweit abrufen zu können, kann der SchlĂŒssel zu einer klassenlosen Gesellschaft sein. Zumindest fĂŒr den Augenblick, denn auch die hier angedachte Struktur muss keine langfristige Lösung sein, liegt aber heute zumindest im Bereich des Denkbaren. Um hier noch einmal das Marx-Zitat zum Verein freier Menschen zu bemĂŒhen: "Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten." (MEW23, S.93)

Folgend bezeichne ich die technische Vermittlungsform mit der Gesamtheit der durch das Programm entstandenen Verbindungen zwischen den Produzierenden und den gesellschaftlichen Produktionsmitteln als Software fĂŒr transpersonales Commoning. Falls die eigenen BedĂŒrfnisse nicht innerhalb interpersonaler Strukturen befriedigt werden können, können sie in das Programm eingespeist und durch allgemein-andere ausgelesen werden. Wie auch auf der rein interpersonalen Ebene wird die Befriedigung virtuell vermittelter BedĂŒrfnisse – die ja reale BedĂŒrfnisse sind – als Commoning bezeichnet (vgl. M/S, S.156). Grundvoraussetzung fĂŒr transpersonales Commoning ist die Möglichkeit fĂŒr Produzierende sich alleine oder als Gruppe TĂ€tigkeiten virtuell zuzuordnen, die notwendig zur Befriedigung von BedĂŒrfnissen sind. Indem die fĂŒr Commoning verwendbaren gesellschaftlichen Produktionsmittel samt ihren Meta-Daten im Netzwerk erfasst sind, können Beteiligte die VerfĂŒgbarkeit der fĂŒr das einzelne Commoning notwendigen gesellschaftlichen Produktionsmittel prĂŒfen. Sind diese nicht verfĂŒgbar und kann der Fehlstand auch nicht durch private Produktionsmittel ersetzt werden, können die Beteiligten einen Bedarf nach dieser bestimmten Art von Produktionsmittel einspeisen. Sind dagegen sĂ€mtliche dafĂŒr notwendigen Produktionsmittel verfĂŒgbar, können sie fĂŒr die Dauer des Commonings an sich bzw. ihre Gruppe gekoppelt werden. SpĂ€testens mit Beginn der konkreten TĂ€tigkeit erreicht die Gruppe eine interpersonale Ebene, in der wieder Inklusionsbedingungen herrschen. Als Commons wird dabei jedes Mittel bezeichnet, das in einem Commoning-Prozess verwendet wird.[5]

Zur Veranschaulichung und parallel zum Beispiel der Solidarischen Landwirtschaft: Ein Acker, ob genutzt oder ungenutzt, steht als gesellschaftliches Produktionsmittel der Commons-Struktur zur VerfĂŒgung und ist damit auch exklusiv fĂŒr Commoning bestimmt. Da ein BedĂŒrfnis nach Kartoffeln ansteht, haben sich Einzelpersonen virtuell TĂ€tigkeiten angenommen, um dieses BedĂŒrfnis gemeinsam zu befriedigen. HierfĂŒr koppeln sie den Acker und anderes Werkzeug zuerst an ihre Gruppe und beginnen darauf mit dem Commoning. Der Acker ist somit nicht an sich ein Commons, er wird Teil eines Commons durch die Verbindung mit selbstorganisierter menschlicher TĂ€tigkeit zur allgemeinen BedĂŒrfnisbefriedigung. Die Bearbeitung des Ackers durch die Gruppe ist das fortgefĂŒhrte interpersonale Commoning der transpersonalen Ebene. Als Ergebnis des Commoning-Prozesses stehen die Kartoffeln denjenigen zur VerfĂŒgung, die das BedĂŒrfnis dafĂŒr eingespeist haben. Unerheblich ist dabei, ob sie dabei nur an sich gedacht oder BedĂŒrfnisse aus ihrem interpersonalen Umfeld mit einbezogen haben. Wie auch in der kapitalistischen Produktion die Lohnarbeiter kein besonderes Anrecht auf die von ihnen geschaffenen Produkte haben, haben es auch die am Commoning beteiligten Personen nicht. Falls die Gruppe das Projekt nicht weiterfĂŒhrt, löst sie sich wieder auf und der Acker wird wieder zum ungenutzen gesellschaftlichen Produktionsmittel.

Werden im Commoning nicht Mittel zur direkten BedĂŒrfnisbefriedigung hergestellt (Nahrung, Energie, Hygieneartikel, etc.), entsteht ein neues gesellschaftliches Produktions- oder Lebensmittel. Produktions- und Lebensmittel werden dabei fortan schlicht als Mittel zusammengefasst, da die auf kapitalistische Produktion bezogene, marxsche Unterscheidung im Commoning selbst nicht mehr als notwendig erscheint. Ein gesellschaftliches Mittel also, dient der Befriedigung des BedĂŒrfnisse bzw. Bedarfs, fĂŒr den es erzeugt wurde und steht anschließend exklusiv, d.h. private Produktion wird ausgeschlossen, fĂŒr andere Commoning-Prozesse zur VerfĂŒgung.

7. Produktion und Distribution innerhalb der Commons-Struktur#

Das Commoning ist eine ausgleichende Bewegung: Es beginnt immer mit einem BedĂŒrfnis (B-), welches ĂŒber den Prozess des Commonings (...c
) befriedigt wird (B+). Seine allgemeine Formel lautet daher „B- – ...c... – B+“. Ein BedĂŒrfnis teilt sich in die sinnlich-vitale BedĂŒrfnisdimension (svB) und die produktive BedĂŒrfnisdimension (pB). Es sind zwei Momente desselben BedĂŒrfnisses und nicht zu verwechseln mit zwei verschiedenen Arten von BedĂŒrfnissen. WĂ€hrend in der sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisdimension Befriedigung durch Genuss erfahren wird, ist das produktive BedĂŒrfnis der „Drang, die eigene Existenz langfristig abgesichert zu wissen“ (M/S, S.127). Die eigene Existenz kann fĂŒr eine Person langfristig abgesichert sein, wenn sie „VerfĂŒgung ĂŒber die vorsorgende Herstellung [und Erhaltung] der Lebensbedingungen“ (ebd.) hat. Noch einmal Meretz und SutterlĂŒtti: „Aktuell vorhandenes Essen genießen zu können, ist die eine Seite, dauerhaft ĂŒber Essen verfĂŒgen zu können, die andere“ (ebd.). Auf gesellschaftlicher Ebene mĂŒssen beide Dimensionen nicht unmittelbar zusammenfallen – jemand kann eine Wohnung benötigen, ohne selbst HĂ€user bauen zu mĂŒssen -, aber durch soziale Teilhabe im gesellschaftlichen Produktionsprozess soll die langfristige Befriedigung der sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse sichergestellt werden.

BedĂŒrfnisbefriedigung ĂŒber Commoning kann durch eine Formel dargestellt werden. In dem Fall, dass die zur BedĂŒrfnisbefriedigung notwendigen Mittel nicht vorhanden sind, kann eine zweite Form von Prozess entstehen. Fehlt es auch hier wieder an Mitteln, entsteht ein weiterer Prozess, von derselben Art wie der Zweite. *Aus Perspektive des anstehenden sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisses ergibt sich eine VerĂ€stlung von einzelnen Commoning-Prozessen, wobei sich ab der zweiten Stufe mehr als ein Commoning-Prozess auf jeder Stufe stattfinden kann.

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Eine Person vermittelt ein unbefriedigtes sinnlich-vitales BedĂŒrfnis (svB-) an Personen, mit einem potentiellen Interesse, sich diesem BedĂŒrfnis zur Herstellung und Erhaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen anzunehmen (pB-) und hierzu außerdem die notwendigen FĂ€higkeiten (F) haben. Bei der Vermittlung kann – je nach Vermittlungsform – zeitgleich die VerfĂŒgbarkeit von gesellschaftlichen Mitteln unter kollektiver VerfĂŒgung (gM) bzw. von privaten Mitteln (pM), welche den Nutzungsbedingungen der EigentĂŒmer unterliegen, abgefragt werden.

Der Prozess zur Befriedigung anstehender BedĂŒrfnisse ist das Commoning (
c
). Wesentlich hierbei ist, dass Commoning immer aus einer oder mehrerer TĂ€tigkeiten besteht, welche alleine oder in Absprache mit anderen ausgefĂŒhrt wird. Indem am Commoning Beteiligte sich die TĂ€tigkeiten aussuchen, welche sie sowohl fĂŒr die Gesellschaft als auch fĂŒr sich selbst als notwendig erachten und sie auch die Organisation der Prozesse ihren BedĂŒrfnissen nach (mit-)gestalten, ist Befriedigung innerhalb der produktiven BedĂŒrfnisdimension Bestandteil des Commonings (pB+). Im Prozess werden dabei Mittel verwendet, die sich dabei ganz oder teilweise aufbrauchen können (Nahrung, Maschinen, etc.), die unverĂ€ndert bleiben (Anleitungen, Konfliktlösungsverfahren, etc.) oder die sich sogar im Prozess vermehren (Code, digitale Kunst, etc.). Das Commoning ist abgeschlossen, wenn die Person, welche das BedĂŒrfnis vermittelt hat, dieses als befriedigt ansieht (svB+).

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Die zweite Form eines Commoning-Prozesses unterscheidet sich von der ersten lediglich darin, dass ein Bedarf nach einem gesellschaftlichen Mittel (gM-) entstanden ist, welcher gedeckt werden muss. Ein solcher Prozess Bedarfsdeckung entsteht nie von sich heraus, sondern immer nur, wenn Mittel fĂŒr eine BedĂŒrfnisbefriedigung fehlen. Wie bereits angesprochen, kann es auch in einem solchen Prozess wieder an einem oder mehreren Mitteln fehlen, wodurch ein oder mehrere Prozesse derselben Form zur Deckung dieses Bedarfes entstehen können. Das benötigte Mittel kann zwar immer auch privat zur VerfĂŒgung gestellt werden, wobei durch den Prozess des Commonings nur gesellschaftliche Mittel (gM+) hergestellt werden.

Zur Verdeutlichung der Struktur eines gesamten Prozesses: Angenommen fĂŒr eine TĂ€tigkeit, mit welcher ein BedĂŒrfnis befriedigt werden kann, fehlt es an drei Mitteln und zur Herstellung dieser drei Mittel wĂŒrden noch jeweils drei Mittel fehlen. WĂ€re jeder isolierte Commoning-Prozess nur eine einzige TĂ€tigkeit, dann mĂŒsste zur Befriedigung des BedĂŒrfnisses eine TĂ€tigkeit ausgefĂŒhrt werden, zur Deckung dieses Bedarfes mĂŒssten drei TĂ€tigkeiten ausgefĂŒhrt werden und zur Deckung des Bedarfes eben jener TĂ€tigkeiten mĂŒssten auf dritter Stufe neun TĂ€tigkeiten ausgefĂŒhrt werden. Wird jede TĂ€tigkeit von einer anderen Person ausgefĂŒhrt, dann mĂŒssten zur Befriedigung einer einzigen Art sinnlich-vitaler BedĂŒrfnisse demnach dreizehn Personen zeitlich getrennt voneinander mitwirken. In der kapitalistischen Produktion gibt es dagegen weder diese VerĂ€stlung noch diese zeitliche Trennung, denn alles was die Kapitalistin fĂŒr ihre Produktion benötigt, sollte unabhĂ€ngig von ihr produziert worden und in Warenform am Markt vorhanden sein.

Gesetzt eine funktionierende Commons-Struktur existiert innerhalb einer von kapitalistischer Produktion bestimmten Gesellschaft, so ergeben sich fĂŒnf Bedingungen fĂŒr ein erfolgreiches Commoning:

  1. Es gibt Menschen, die ihre sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse ĂŒber Commoning befriedigen lassen wollen (svB-).

  2. Die notwendigen gesellschaftliche Mittel zur AusfĂŒhrung der TĂ€tigkeiten der jeweils untersten Stufe sind verfĂŒgbar bzw. können FehlstĂ€nde durch private Mittel ausgeglichen werden (gM+/pM+).

  3. Es gibt Menschen, welche die notwendigen FĂ€higkeiten zur AusfĂŒhrung der notwendigen TĂ€tigkeiten besitzen und eine Möglichkeit zur langfristigen Absicherung ihrer sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse ĂŒber die TĂ€tigkeit innerhalb der Commons-Struktur sehen (pB-).

  4. Das Leben dieser Personen wird nicht in einem Ausmaß von sachlicher oder persönlicher Herrschaft bestimmt, welches das Aufbringen von Zeit und Energie fĂŒr das Commoning verhindert (
c
).

  5. Die vergehende Zeit zwischen Einspeisung eines sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisses und seiner Befriedigung ist in einem fĂŒr die BedĂŒrfnis-vermittelnde Person akzeptablen Rahmen (Δt (svB- → svB+)).

Die beschriebene Form des Commonings gilt sowohl fĂŒr interpersonale als auch transpersonale Vermittlung. Ein sinnlich-vitales BedĂŒrfnis wird dabei erst in die Software fĂŒr transpersonales Commoning eingespeist, wenn es nicht innerhalb bereits geschaffener interpersonaler Strukturen befriedigt werden kann bzw. diese der jeweiligen Person unbekannt sind. Über diese gemeinsame Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung von Mitteln können sich somit von Anfang an einander unbekannte Personen zur gemeinsamen Herstellung und Erhaltung der eigenen Lebensbedingungen verbinden und sie unterstĂŒtzt somit den Aufbau von interpersonalen Strukturen, welche diese Instanz selbst in Teilen wieder ĂŒberflĂŒssig machen. Ist diese Instanz als Programm einmal entwickelt, wird noch kein einziges gesellschaftliches Mittel benötigt, um mit privaten Mitteln Commoning zu betreiben, das heißt auch, eine Commons-Struktur aufzubauen. Dieser Aufbau ist somit auch unabhĂ€ngig von der jeweiligen kapitalistischen Entwicklungshöhe des lokalen Umfeldes. Da es damit – wir schließen Subsistenzwirtschaft und persönliche HerrschaftsverhĂ€ltnisse hier aus – neben der kapitalistischen Produktionsweise eine zweite Möglichkeit gibt, durch welche ein rechtlich freier Mensch seine Lebensbedingungen herstellen kann, können wir vergleichen, welche Produktionsform individuell fĂŒr ihn Sinn machen könnte.

8.1 Befriedigung innerhalb der sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisdimension#

Sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse sind etwa Hunger, ein Dach ĂŒber den Kopf zu wollen, das Verlangen nach einer Ă€rztlichen Untersuchung oder menschlicher NĂ€he, usw. Innerhalb einer bestehenden Gesellschaft werden dabei nicht alle sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse ĂŒber die bestimmende Produktionsweise befriedigt. Eine Gesellschaft bezeichnen Meretz und SutterlĂŒtti daher als „Hybrid, eine Mischung verschiedener Re/Produktionsweisen, in dem jedoch eine dominant, bestimmend, hegemonial ist“ (M/S, S.91). Weiter: „Diese bestimmende Re/Produktionsweise strukturiert die gesamte Gesellschaft nach ihrer Logik und zwingt den anderen Weisen ihre Ziele auf“ (ebd.).

Ausgegangen von der Situation der LohnabhĂ€ngigkeit wird folgend der Prozess zur sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisbefriedigung ĂŒber die kapitalistische Produktionsweise und ĂŒber das Commoning untersucht.

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Sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse (svB-) werden warenförmig (W) befriedigt; es ist also Geld (G) notwendig. LohnabhĂ€ngige kommen an Geld ĂŒber Lohnarbeit, mĂŒssen also versuchen ihre Arbeitskraft (Ak) zu verkaufen und diese wird schließlich als Gebrauchsgegenstand in den Produktionsprozess (...P...) eingeordnet. Im Produktionsprozess stellen die Lohnarbeiter an den Produktionsmittel neue Waren W‘ her, deren Wert höher ist als die Summe von Arbeitskraft plus Produktionsmittel, d.h. auch grĂ¶ĂŸer ist als der Wert W, welcher zur Befriedigung des BedĂŒrfnisses der Lohnarbeiterin notwendig ist. Die Differenz zwischen W und W‘ ist das Mehrprodukt, das durch die Mehrarbeit der Lohnarbeiterin entstand und im Verkaufsfall zum Mehrwert der Unternehmerin wird.

Kapitalismus basiert auf Äquivalententausch – auf einem Gegenleistungsprinzip – und daher lĂ€sst sich sinnlich-vitale BedĂŒrfnisbefriedigung im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise nicht denken, ohne selbst tĂ€tig zu werden. Durch das Prinzip der ĂŒber das Geld vermittelten Gegenleistung kann die einzelne Person dafĂŒr selbst bestimmen, wie und auf welche Weise die sinnlich-vitale BedĂŒrfnisbefriedigung geschieht, wenn es nur warenförmig möglich und genĂŒgend Geld vorhanden ist. Die Einzelne ist zum Geld-verdienen zwar von anderen abhĂ€ngig, aber es gibt keine zweite Person, die darĂŒber urteilt, ob sich eine bestimmte BedĂŒrfnisbefriedigung lohnt bzw. ob sie etwa ethisch richtig ist. Systematisch muss fĂŒr eine bestimmte BedĂŒrfnisbefriedigung aber immer mehr gearbeitet, also ein höherer Wert produziert werden, als die Ware selbst hat, die zur Befriedigung des sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisses verwendet wird. Gesellschaftliche Arbeitsteilung mit Mehrwertproduktion auf eine TĂ€tigkeit herunter gebrochen hieße etwa, dass eine angestellte Tischlerin fĂŒnf Tische produzieren muss, um sich einen leisten zu können.

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Ein sinnlich-vitales BedĂŒrfnis (svB-) wird interpersonal oder transpersonal vermittelt (Verm.) und darauf gehofft bzw. gewartet, dass das BedĂŒrfnis befriedigt wird (svB+).

Entscheidender Vorteil der sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisbefriedigung ĂŒber die Commons-Struktur ist, dass es keine Gegenleistung erfordert. In einer nicht-ausgebauten Commons-Struktur, bei außergewöhnlichen BedĂŒrfnissen usw., ergeben sich daraus zwei entscheidende Nachteile: Erstes kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass sich Menschen finden, welche sich dem BedĂŒrfnis annehmen und ob es somit ĂŒberhaupt befriedigt wird. Zweitens kann der Zeitabstand zwischen Einspeisung und Befriedigung mitunter extrem lange sein. Commoning-Prozesse können erst angestoßen werden, sobald es ein BedĂŒrfnis bzw. einen Bedarf gibt und von da ab kann erst angefangen werden, die notwendigen Mittel zu organisieren bzw. auch diese erst herstellen zu lassen. Commoning kann allerdings nicht zur bestimmenden Produktionsweise werden, wenn die sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse der Teilnehmenden nicht ausreichend befriedigt bzw. nicht tendenziell besser ĂŒber Commoning als ĂŒber kapitalistische Produktion befriedigt werden.

8.2 Befriedigung innerhalb der produktiven BedĂŒrfnisdimension#

Die produktive BedĂŒrfnisdimension ist das Verlangen nach einer langfristigen VerfĂŒgung ĂŒber die zur sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisbefriedigung nötigen Mittel. Innerhalb einer auf Kooperation basierenden Gesellschaft stehen dafĂŒr verschiedene Handlungsmöglichkeiten zur Teilhabe am Re-/Produktionsprozess zur VerfĂŒgung, welchen entweder durch Zwang oder Freiwilligkeit nachgegangen werden muss bzw. kann (M/S, S.125). Einzelne Personen bringen sich in solche Strukturen ein um nicht ohnmĂ€chtig den Lebensbedingungen ausgeliefert zu sein (M/S, S.128). Je höher dabei die durch individuelle Teilhabe angestrebte Verbesserung der eigenen LebensqualitĂ€t im Vergleich zu den damit verbundenen Anstrengungen und Risiken ist, desto höher ist die Motivation hierfĂŒr (M/S, S.130). Diese Teilhabe kann dabei den anderen Gesellschaftsteilnehmern gegenĂŒber einschließend oder ausschließend wirken (M/S, S.129).

Die Befriedigung des produktiven BedĂŒrfnisses ist maximal, wenn ĂŒber die Lebensbedingungen verfĂŒgt wird bzw. der Zugriff darauf sichergestellt ist. Voraussetzung dafĂŒr sind unbegrenzte Handlungsmöglichkeiten in alle Bereiche der VerfĂŒgung, deren Realisierung andere Gesellschaftsteilnehmer nicht von den Lebensbedingungen ausschließt, sondern die LebensqualitĂ€t potentiell aller damit in Verbindung stehenden Gesellschaftsteilnehmer erhöht.

Wieder wird erst die BedĂŒrfnisbefriedigung ĂŒber die kapitalistische Produktion und schließlich ĂŒber das Commoning geprĂŒft.

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Im Kapitalismus wird HandlungsfĂ€higkeit durch Geld erreicht und dieses am effektivsten durch die reine Geldvermehrung, sprich, indem die Rolle einer Kapitalistin angenommen wird. Da die Rolle der Kapitalistin abhĂ€ngig von der Vorhandensein von Lohnarbeitern ist und diese Gruppe ein tendenziell höheres Interesse an der Aufhebung des kapitalistischen Systems hat, wird die BedĂŒrfnisbefriedigung wieder nur aus Perspektive der stetig wachsenden Gruppe der LohnabhĂ€ngigen betrachtet.

Ist jemand abhĂ€ngig von Lohn, ist diese Person gezwungen sich in die Lohnarbeit zu verkaufen, wobei ArbeitstaglĂ€nge und Höhe des Lohnes sich tendenziell dem anpassen, was in einer Gesellschaft als normal gesetzt ist. Die LĂ€nge des Arbeitstages richtet sich danach, wie viel Erholung einer Person gesellschaftlich zugesprochen wird und die Höhe des Lohns richtet sich danach, was eine Person benötigt, um ein gesellschaftlich-gesetztes Minimum an VerfĂŒgung ĂŒber ihre Lebensbedingungen zu erhalten. Da LohnabhĂ€ngige in ihrer Situation von dem gesellschaftlichen Fortschritt entkoppelt ist, wird sich diese Arbeitswoche nicht verĂ€ndern, bis ihre Arbeitskraft nicht mehr verwertbar ist. Zwar wird sie durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft im Produktionsprozess objektiviert (Ak), dient hier lediglich zur Kapitalverwertung und kann nur in geringen Ausmaß in dieser Zeit ĂŒber sich selbst verfĂŒgen, aber so lange sie es schafft ihre Arbeitskraft zu verkaufen, muss sie in einer auf Privateigentum basierenden Gesellschaft weniger Angst haben, vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt ausgeschlossen zu werden. Meretz und SutterlĂŒtti dazu: „Heute haben wir gute GrĂŒnde, manche unserer BedĂŒrfnisse zurĂŒckzustellen, zuzurichten oder zu unterdrĂŒcken [
]. Die uns selbst auferlegten Beherrschungen und Zurichtungen ergeben unter heutigen Bedingungen Sinn, denn sie halten unsere HandlungsfĂ€higkeit aufrecht“ (M/S, S.85).

Über die gesellschaftliche Notwendigkeit der eigenen Arbeit kann im Kapitalismus keine Aussage getroffen werden. Kapitalistische Produktion dient der Geldvermehrung, der Verwertung des Wertes, und BedĂŒrfnisbefriedigung ist selbst nur Mittel fĂŒr diesen Zweck. Da fĂŒr LohnabhĂ€ngige die Arbeitswoche statisch ist, 4-6 Tage die Woche gearbeitet werden muss und das gesellschaftliche NormalitĂ€t ist, lĂ€sst sich bezĂŒglich der Motivation fĂŒr die einzelnen TĂ€tigkeiten innerhalb dieser Arbeitszeit kaum eine Aussage treffen. Die statische Arbeitswoche, unabhĂ€ngig von Arbeitsbedarf, Jahreszeit, Wetter, etc. ist dabei eine absolute Besonderheit der kapitalistischen Produktionsweise. Die einzige Alternative, die sich aber selbst ebenfalls auf die Lohnarbeit bezieht und daher die SphĂ€re nicht verlĂ€sst, scheint die Arbeitslosigkeit zu sein, in welcher die einzelne Person keinerlei Recht auf einen Anteil am Gesamtprodukt hat. Ein Sozialstaat mag eine totale Ausgeschlossenheit verhindern, ist aber selbst Teil der Verwertungslogik, kennt also keine wirkliche Alternative zur Lohnarbeit und benennt daher auch VollbeschĂ€ftigung – eine fremdbestimmte Arbeitswoche fĂŒr alle LohnabhĂ€ngigen, unabhĂ€ngig von ihren Arbeitsbedingungen – als eine Utopie.

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Die Herstellung und Erhaltung der eigenen Lebensbedingungen im Commoning: Eine Person bekommt ein unbefriedigtes sinnlich-vitales BedĂŒrfnis oder einen Bedarf nach gesellschaftlichen Mitteln vermittelt und wĂ€hlt aus, welchem BedĂŒrfnis bzw. Bedarf sie sich annehmen möchte (svB-/gM-). Allein oder innerhalb einer Gruppe wird die VerfĂŒgbarkeit der gesellschaftlichen Mitteln abgefragt, bei VerfĂŒgbarkeit direkt an sich bzw. die eigene Gruppe gekoppelt und eventuell noch private Mittel durch die Teilnehmer zur VerfĂŒgung gestellt. Fehlt es an gesellschaftlichen Mitteln, muss ein Bedarf danach in die Software eingespeist werden. Sind die Mittel verfĂŒgbar und haben die Beteiligten die nötige Zeit dafĂŒr ĂŒbrig, können sie gemeinsam mit dem Commoning beginnen. Im Prozess selbst werden gesellschaftliche bzw. private Mittel verwendet und durch die eigene TĂ€tigkeit wird ein Beitrag zur Herstellung und Erhaltung der gesellschaftlichen Notwendigkeiten erbracht (pB+).

An einem Commoning-Prozess beteiligt sein, hat nichts mit arbeiten im heutigen Sinne zu tun. Arbeiten im Kapitalismus ist ein abstrakter Prozess: „Ökonomisch in dieser Einfachheit gefasst, ist „Arbeit“ eine ebenso moderne Kategorie wie die VerhĂ€ltnisse, die diese einfache Abstraktion erzeugen“ (MEW42, S.38). Arbeit heute ist ein Rahmen, der sich um konkrete TĂ€tigkeiten spannt, denen aber an erster Stelle nicht aufgrund ihrer NĂŒtzlichkeit fĂŒr die Gesellschaft nachgegangen wird, sondern um Geld zu erhalten, mit dem VerfĂŒgung ĂŒber die eigenen Lebensbedingungen sichergestellt werden soll. Die Arbeit wird somit als vom Weltgeschehen isoliert betrachtet, als ob die TĂ€tigkeit in ihr nicht einen verselbststĂ€ndigten Verwertungsapparat vorantreiben wĂŒrde, der sich immer tiefer in das Land und in die Köpfe grĂ€bt. Da Arbeit abstrakt ist, kann sie auch geteilt werden. Eine einzelne TĂ€tigkeit ist dagegen immer konkret, kann aber, etwa innerhalb eines Commoning-Prozesses (aber auch innerhalb eines kapitalistischen Unternehmens bzw. des abstrakten Rahmens Arbeit) in Kooperation mit anderen geschehen. Da Commoning immer zu einem bestimmten Zweck geschieht, hat der Prozess einen klar definierten Anfang und ein klar definiertes Ende; im Gegensatz zur Arbeit, die fĂŒr die Lohnarbeiter im Rahmen der Verwertung erst mit dem Eintritt in das Rentenalter aufhört. Das Commoning ist somit ein bewusster Prozess zur Gestaltung der Welt nach menschlichen BedĂŒrfnissen.

Statt der Angst, vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt ausgeschlossen zu werden, wenn die eigene Arbeitskraft nicht verkauft werden kann, basiert das Commoning auf Vertrauen, dass andere die eigenen sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse befriedigen. Statt als Produzierender vom gesellschaftlichen Fortschritt entkoppelt zu sein und die arbeitsfĂ€hige Zeit im Leben immer arbeiten oder dafĂŒr lernen zu mĂŒssen, steigt die VerfĂŒgung ĂŒber die Lebensbedingungen mit dem zunehmenden Fortschritt der Technik und Zusammenarbeit. Statt sich nur eine Arbeitgeberin aussuchen zu können und schließlich zu vorgegeben Bedingungen arbeiten zu mĂŒssen, kann sich die konkrete TĂ€tigkeit den eigenen FĂ€higkeiten und Interessen nach gewĂ€hlt werden und in Gruppen werden die Bedingungen der Kooperation diskutiert und nach den BedĂŒrfnissen der Teilnehmenden gestaltet. Statt einer undurchsichtigen, durch die Jagd nach hohen Profitraten gestalteten Gesellschaftsstruktur gegenĂŒberzustehen, wird durch die Transparenz des Commons-Netzwerkes klar einsehbar, inwiefern die eigene TĂ€tigkeit zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen beitrĂ€gt. Die Motivation kann dafĂŒr also deutlich höher sein, als es in der Lohnarbeit der Fall ist.

Innerhalb einer Gesellschaft mit dominanter kapitalistischer Produktionsweise ist der große individuelle Nachteil von Commoning, dass es keine direkte Gegenleistung mit sich bringt. In einer von Commoning bestimmten Gesellschaft mag das weniger ein Problem sein, aber, noch einmal Meretz und SutterlĂŒtti, die „bestimmende Re/Produktionsweise strukturiert die gesamt Gesellschaft nach ihrer Logik und zwingt den anderen Weisen ihre Ziele auf“ (M/S, S.91). Commoning hilft der Einzelnen nicht die Miete, die Krankenversicherung, die Kleidung, die Nahrung, etc. zu zahlen. Innerhalb der Transformation halte ich daher eine dem Gegenleistungsprinzip Ă€hnelnde Funktion – wie sie folgend dargestellt wird – im Commoning unerlĂ€sslich, die aber mit der zunehmenden Ausdehnung der Commons-Struktur an Bedeutung verlieren soll.

9. BedĂŒrfnispriorisierung#

Ein letztes Mal Marx zu seinem Verein freier Menschen: „Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzen wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit wĂŒrde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmĂ€ĂŸige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen BedĂŒrfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts" (MEW23, S.93). Um zu zeigen, wie eine transparente Gesellschaftsorganisation funktionieren kann, macht Marx ein VerhĂ€ltnis von der individuell geleisteten Arbeitszeit zur Gesamtarbeitszeit auf und misst daran den individuellen Anteil am Gesamtprodukt. Da im Commoning immer erst produziert wird, sobald ein BedĂŒrfnis ansteht, gibt es kein Gesamtprodukt, das verteilt werden muss. Was es dagegen gibt, ist eine Gesamtanzahl von anstehenden sinnlich-vitalen BedĂŒrfnissen. Statt einer Verteilung im Nachhinein kann somit eine Gewichtung bzw. Priorisierung von BedĂŒrfnissen im Vornherein stattfinden. Da Selbstauswahl der TĂ€tigkeit ein zentraler Aspekt des Commonings ist, kann es sich dabei nie um mehr als einen Handlungsvorschlag handeln. Menschen setzen sich in der Auswahl der TĂ€tigkeiten zwar eigene Ziele und PrioritĂ€ten (M/S, S.189), aber trotzdem gibt es ein* *Anliegen, das allen Commoning-Prozessen zu Grunde liegt und ohne das etwa die eigene Zielsetzung und Selbstauswahl nicht möglich wĂ€re: Die Herstellung und Erhaltung der Commons-Struktur selbst.

Die Priorisierung von bestimmten BedĂŒrfnissen ist kein Prozess, der von Menschen gesteuert werden soll und die Einzelne soll auch nicht „das Wohlergehen aller“ in ihrer Auswahl der TĂ€tigkeit im Kopf behalten. Durch die mechanische Priorisierung soll im Moment der Selbstauswahl eine Richtung nahegelegt werden, die sowohl zum eigenen Vorteil ist, als auch die Commons-Struktur herstellen und erhalten soll. Sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse können in der Commons-Struktur von Anfang an beliebig viele anstehen, da zu ihrer Befriedigung keine Gegenleistung verlangt wird. Da das Leben der LohnabhĂ€ngigen aber von sachlichen ZwĂ€ngen bestimmt ist, kann anfangs nur ein Bruchteil davon befriedigt werden. Aus dieser unbegrenzten Menge anstehender BedĂŒrfnisse sollen also diejenigen priorisiert werden, welche fĂŒr einen Übergang aus den sachlichen ZwĂ€ngen heraus am notwendigsten sind, die Commons-Struktur gegen das kapitalistische Umfeld stabilisieren und damit ermöglichen, dass immer mehr sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse ĂŒber Commoning befriedigt werden können. Da aber keine TĂ€tigkeit die „BedĂŒrfnisse einer Gesellschaft“ - auch nicht die einer Commons-Struktur – befriedigt, sondern immer nur die BedĂŒrfnisse konkreter Personen, mĂŒssen die sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse von denjenigen priorisiert werden, welche selbst priorisierte sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse anderer befriedigen. Was wie ein Zirkelschluss klingt bedeutet aber, dass diejenigen, welche Zeit im Commoning investieren und damit auch gesellschaftliche Mittel erzeugen, auch dafĂŒr die Zeit frei von sachlicher Herrschaft bekommen, indem die Befriedigung ihrer sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse im Commons-Netzwerk nahegelegt wird, sprich, sie zunehmend von der Lohnarbeit unabhĂ€ngig werden.

Die Priorisierung bezieht sich dabei auf die Tauschlogik seines kapitalistischen Umfeldes, kann also auch mit einer Abwandlung ihrer Kategorien gemessen werden. Der Wert einer TĂ€tigkeit misst sich in der Marktwirtschaft an der investierten Arbeitszeit, der ArbeitsintensitĂ€t, unter Anwendung gesellschaftlich durchschnittlicher Produktionsmittel zur Herstellung am Markt nachgefragter Produkte. Der Faktor der individuellen Verausgabung kann fĂŒr die Transformation beibehalten werden, die Anwendung gesellschaftlich-durchschnittlicher Produktionsmittel verliert in der kollektiven VerfĂŒgung ihren Sinn und die Richtung, hier nachgefragte Produkte fĂŒr den Markt, muss von der Verwertung in die UnabhĂ€ngigkeit von der Verwertungsstruktur umgeleitet werden. Angenommen also in einem Land ohne medizinische Grundversorgung mangelt es an Ärzten und die Nachfrage nach medizinischer Versorgung ist dabei sehr hoch. Kapitalistisch betrachtet hat medizinische Versorgung daher einen hohen Wert, commonistisch betrachtet gibt es eine hohe Anzahl an entsprechenden sinnlich-vitalen BedĂŒrfnissen. Ohne die Priorisierung der BedĂŒrfnisse von denjenigen, die das BedĂŒrfnis nach medizinischer Versorgung innerhalb der Commons-Struktur stillen, hĂ€tte es zur langfristigen Sicherung der eigenen Lebensbedingungen fĂŒr niemanden einen Vorteil, sich einem jahrelangen Medizin-Studium hinzugeben und sich dann nicht dem Markt zur VerfĂŒgung zu stellen. Mit der Priorisierung wird eine Ärztin tendenziell unabhĂ€ngig von Lohnarbeit und ebenso mĂŒssen diejenigen, die von ihr versorgt werden, weniger Zeit in Lohnarbeit investieren, um die hohen Kosten der medizinischen Versorgung im kapitalistischen System zu stemmen.

Wie Meretz und SutterlĂŒtti im Kapitel „Konflikte in der Inklusionsgesellschaft“ (M/S, S.183) beschreiben, kann es auch innerhalb der Commons-Struktur zu Auseinandersetzungen zur Verwendung von gesellschaftlichen Mitteln kommen, die aber bewusst und zwischenmenschlich ausgetragen werden mĂŒssen. Die Autoren bezeichnen die Konflikte als „Entscheidungen ĂŒber die Priorisierung von Zielen“ (ebd.) und die mechanische Priorisierung einzelner BedĂŒrfnisse darf hier nicht entscheidend wirken, aber kann als Ă€ußere Bewertungsinstanz bei Entscheidungsfindungen behilflich sein. Ein Konflikt um die Verwendung eines gesellschaftlichen Mittels hat dabei drei zentrale Elemente: 1. Beteiligte, deren BedĂŒrfnisse höher durch die Software priorisiert werden, sitzen zumindest psychologisch, am lĂ€ngeren Hebel. Der Konflikt verlĂ€uft nicht auf Augenhöhe, das aber zu Recht, da die Priorisierung anzeigt, welcher Prozess notwendiger fĂŒr die Herstellung und den Erhalt der gemeinsamen Lebensbedingungen und die Aufhebung des Kapitalismus ist. 2. Die innere Logik beider Commoning-Prozesse ist inklusiv. Alle am Konflikt Beteiligten befriedigen gleichermaßen nicht die eigenen, sondern sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse allgemeiner-anderer und daher ist eine Absprache und Suche nach einer gemeinsamen Lösung auch zur Befriedigung der eigenen BedĂŒrfnisse sinnvoll. 3. Indem die BedĂŒrfnisse derjenigen priorisiert werden, die selbst an Commoning-Prozessen mitwirken, haben die Produzierenden beider Parteien im Konflikt um die Verwendung eines gesellschaftlichen Mittels einen eigenen Vorteil, diesen Konflikt fĂŒr sich zu entscheiden. Ein Konflikt innerhalb der inklusiven Logik der Commons-Struktur hat somit einen exklusiven Moment, das heißt, dass es im Konflikt Sinn macht, die Produzierenden des anderen Commons von dem Mittel auszuschließen. So lange aber Commoning nicht die bestimmende gesellschaftliche Produktionsweise ist, findet dieser exklusive Moment der inklusiven Struktur aber in einem gesellschaftlichen Rahmen des sachlichen Zwanges statt. Diese Form der Priorisierung auf Grund dieses Momentes vermeiden zu wollen bedeutet damit auch zuzulassen, dass wir in einem Umfeld aus viel schwerwiegenderen exklusiven Konflikten gefangen bleiben.

Neben der UnterstĂŒtzung zur Selbstauswahl und im Konfliktfall, spricht ein weiterer Aspekt fĂŒr die Priorisierung von BedĂŒrfnissen: Die AnknĂŒpfung an der NormalitĂ€t innerhalb des kapitalistischen Systems. Marx: „Erst in dem 18. Jahrhundert, in der »bĂŒrgerlichen Gesellschaft«, treten die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs dem einzelnen als bloßes Mittel fĂŒr seine Privatzwecke entgegen, als Ă€ußere Notwendigkeit“ (MEW42, S.20). Im Commoning sind die gesellschaftlichen ZusammenhĂ€nge keine bloßes Mittel zum Privatzweck, aber aus dem heutigen Alltag heraus ist das schwer zu begreifen. Ohne Priorisierung und ohne theoretisches Hintergrundwissen ĂŒber Warenfetisch, sachliche Herrschaft, Ausbeutung, Klassendynamik, kurz: die Auswirkungen des kapitalistischen Systems als Ganzen, ist eine Produktionsweise nach den Prinzipien der Freiwilligkeit und kollektiven VerfĂŒgung schwer fĂŒr jemanden verstĂ€ndlich, fĂŒr den eine 40-Stunden-Woche etwas vollkommen natĂŒrliches ist. Das Bewusstsein in einem kapitalistischen System ist durch Verwertungslogik geprĂ€gt und so fĂ€llt es schwer zu verstehen, warum jemand etwas „geschenkt“ bekommt, wenn er sein BedĂŒrfnis in ein Programm einspeist oder fĂŒr jemanden arbeiten soll, ohne dafĂŒr Geld zu bekommen. Auch jemand, der durch den Konkurrenzkampf im Kapitalismus etwa zum Chauvinismus oder zur Habgier gebracht wurde, hat keinen Grund sein Verhalten zu Ă€ndern, wenn er seine sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse befriedigen kann, ohne sich selbst dabei einzubringen. Commoning muss daher innerhalb der Transformation auch ein Lernprozess sein, den eine Gesellschaft als Ganzes, durch die Einzelerfahrungen seiner Mitglieder, durchmacht. Es muss schrittweise erfahren werden, dass durch die Befriedigung der BedĂŒrfnisse allgemeiner-anderer, auch die eigenen BedĂŒrfnisse besser befriedigt werden. Mit BedĂŒrfnispriorisierung wird daher ernst genommen, dass die Gesellschaft der bestimmenden Produktionsweise folgt und nicht die Produktionsweise einer revolutionierten Gesellschaft.

Erst durch die Priorisierung von BedĂŒrfnissen macht es im bestehenden System fĂŒr einzelne LohnabhĂ€ngige ĂŒberhaupt Sinn, die freie Zeit fĂŒr Commoning aufzuwenden. Angefangen in einem Umfeld aus sachlichen Zwang, ist es fĂŒr einzelne Personen anfangs notwendig, priorisierte TĂ€tigkeiten zu erledigen, damit sie selbst einen Vorteil davon haben und sich aus den ZwĂ€ngen des Kapitals befreien können, indem die eigenen BedĂŒrfnisse tendenziell durch andere Commoning-Prozesse befriedigt werden. Über die Befriedigung dieser priorisierten BedĂŒrfnisse wird die Commons-Struktur aufgebaut, die Masse an gesellschaftlichen Mitteln nimmt zu, Commoning-betreibende Gruppen könnten nicht mehr nur vereinzelt auftreten, komplexe Kooperation (Arbeitsteilung) innerhalb des Commonings wĂ€chst an und immer mehr Menschen können immer effizienter ihre Lebensbedingungen ĂŒber die Commons-Struktur herstellen. So wie das Zwangsmoment der kapitalistischen Struktur abnimmt und Commoning sich vermehrt etabliert, verliert es an Wichtigkeit selbst priorisierte BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Die intrinsische Motivation kann sich entfalten, indem sich vermehrt den Aufgaben zugewendet wird, in denen ein Sinn fĂŒr die eigene Weiterentwicklung gesehen wird. Indem sich die inkludierenden Strukturen ausbreiten und sĂ€mtliche TĂ€tigkeitszusammenhĂ€nge transparent sind, wird sich gesellschaftlich dem Zwangscharakter der Teilhabe enthoben und sich dem Ideal der Freiwilligkeit angenĂ€hert.

10. Interpersonales und transpersonales Commoning als parallele Funktionen#

SpĂ€testens mit der mechanischen BedĂŒrfnispriorisierung wird klar, dass es sich bei dem transpersonalen Commoning nicht um eine VerĂ€nderung der Keimform auf Basis der interpersonalen Ebene handelt, sondern um einen parallel dazu verlaufenden Prozess im Sinne des FĂŒnfschritts nach Klaus Holzkamp (Grundlegung der Psychologie [GdP, 1983], S. 78-81. EinfĂŒhrend: M/S, S. 202-205). Transpersonales und interpersonales Commoning sind verschiedene, aber sich ergĂ€nzende Beziehungen der Einzelnen zur Gesellschaft (Funktionen), die aus den selben kapitalistischen EntwicklungswidersprĂŒchen heraus resultieren, aber auf verschiedenen Vorbedingungen aufbauen. Die zu erreichenden QualitĂ€ten – Freiwilligkeit und kollektive VerfĂŒgung innerhalb von Re/Produktionsprozessen zur Befriedigung von BedĂŒrfnissen (vgl. M/S, S.210) – sind dieselben. Folgend soll dargestellt werden, inwiefern sich beide Prozesse ergĂ€nzen und unterscheiden.

Vorbedingungen fĂŒr den Umschlag der QuantitĂ€t zur QualitĂ€t bei Meretz und SutterlĂŒtti sind besonders die IntersubjektivitĂ€t („[
] die BedĂŒrfnisse anderer Menschen wahrnehmen und zur PrĂ€misse des eigenen Handelns machen“ [M/S, S.210]), die Erkenntnisdistanz („Wir sind unseren Wahrnehmungen, Emotionen und der Welt nicht direkt ausgeliefert, [...]“ [M/S, S.211]) und die verallgemeinerte Motivation („Unsere Motivation kann auch die BedĂŒrfnisse anderer Menschen einbeziehen und zwar sogar BedĂŒrfnisse »allgemeiner Anderer«, also von Menschen, die wir gar nicht kennen“ [ebd.]). All das sind allgemein-menschliche Voraussetzungen, die nicht von einer kapitalistischen Entwicklung abhĂ€ngig sind. Zwar wird folgend auch „globale Vernetzung“ (ebd.) und eine „Technikentwicklung“ (M/S, S.212)* *angesprochen, wobei sie „diese historischen Vorbedingungen im Konjunktiv belassen“ (M/S, S.211) und die fĂŒr die weitere Entwicklung ihrer Keimform keine Rolle spielen.

Dagegen baut das transpersonale Commoning besonders auf den historische entstandenen QualitÀten einer kapitalistischen Gesellschaft auf: Die durch Verwertungslogik erreichten Mittel zur globalen Kommunikation und arbeitssparenden Produktion, die allgemein-zugÀngliche gesamtgesellschaftliche Vernetzung (wenn ihr auch durch die in Konkurrenz zueinander stehenden Produktionen Schranken gesetzt sind) und die fortschrittliche komplexe Kooperation zum gesellschaftlichen Gesamtprodukt.*

Die „objektiven VerĂ€nderungen der Außenweltbedingungen“* (GdP, S.79) bzw. die EntwicklungswidersprĂŒche, welche innerhalb einer Gesellschaft subjektiv empfunden werden (vgl. M/S, S.212), sind fĂŒr die interpersonale und transpersonale Funktion gleichermaßen in der Entwicklung des kapitalistischen Systems zu finden. Als subjektiv empfundenen WidersprĂŒche, also WidersprĂŒche zwischen „den BedĂŒrfnissen der Menschen und den gesellschaftlichen Möglichkeiten ihrer Befriedigung“ (M/S, S.212) nennen Meretz und SutterlĂŒtti etwa die soziale Isolation, Umweltzerstörung,* verunmöglichte Familienplanungen und Angst vor einem möglichen Ausschluss vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt (vgl. M/S, S.214). Als VerĂ€nderung in Bezug auf Klassen wĂ€ren außerdem noch die stetige Zunahme von Menschen in der Situation der LohnabhĂ€ngigkeit zu nennen. Die erwĂ€hnten Außenweltbedingungen gelten dabei nur in Bereichen, welche als Wert erschlossen sind. Gesellschaftsteilnehmer, die sich zunehmend der Commons-Struktur zuwenden, erlangen dort eine UnabhĂ€ngigkeit von der kapitalistischen Produktion, damit speziell von ihren Krisen und allgemein ihrer ausschließenden Logik.

Was durch den Entwicklungswiderspruch aus den Vorbedingungen fĂŒr Meretz und SutterlĂŒtti als „Keimform des Commonismus“ (M/S, S.219) hervorgeht, sind die „Inklusionsbedingungen auf interpersonaler Ebene“ (ebd.). Wie zu Beginn dieses Textes gezeigt wurde, kann diese Keimform nicht ausreichend sein, damit Commoning gesellschaftlich bestimmend wird. WĂ€hrend die interpersonale Keimform von Meretz und SutterlĂŒtti auf RĂ€umen aufbaut, in denen durch Freiwilligkeit und kollektiver VerfĂŒgung Bedingungen herrschen, in denen es sinnvoll ist, die BedĂŒrfnisse anderer in das eigene Handeln mit einzubeziehen, ist die Herstellung der Funktion des transpersonalen Commonings ein bewusster Prozess, bedingt durch die historisch gewordenen FĂ€higkeiten des Menschen und den Fortschritt der Technik im kapitalistischen Konkurrenzdruck. Dieser qualitative Sprung entsteht somit nicht von selbst, sonder er wird gemacht, das heißt, er wird konstruiert und programmiert. Die neue Spezifik ist eine Software als gemeinsame Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung gesellschaftlicher Mittel. Mit den dadurch ermöglichten Beziehungen der Einzelnen zur Allgemeinheit, also mit einer transpersonalen Vermittlung als elementare Handlungsweise, kann schließlich das bestehende System gestĂŒtzt werden (siehe auch Kapitel „Dominanzwechsel 2: Ausdehnung
“).

Wichtig werden folgend die Unterschiede des interpersonalen und transpersonalen Commonings im Dominanzwechsel – also dem zweiten qualitativen Entwicklungsschritt, indem „alte und neue Funktion ihre Position [wechseln]: Die neue Funktion setzt sich durch und bestimmt fortan die Dynamik des Systems, die alte Funktion tritt zurĂŒck“ (M/S, S.205). Nach Klaus Holzkamp ist dabei zu beachten, dass sich „der Übergang zur neuen Entwicklungsstufe nicht auf einer einzelnen Dimension vollzieht, sondern die Umkehrung des VerhĂ€ltnisses zweier fĂŒr sich kontinuierlich verĂ€nderter Dimensionen darstellt“ (GdP, S.80). Weiter: „Eine solche Umkehrung des VerhĂ€ltnisses zwischen bestimmender und nachgeordneter Funktion als Dominanzwechsel ist, obwohl sich beide Funktionen in der Entwicklung kontinuierlich darauf zubewegen, selbst nicht kontinuierlich, sondern ein punktuelles Umkippen“ (ebd.). Interpretiert auf das transpersonale Commoning sind die beiden sich stetig verĂ€ndernden Dimensionen der Wert der Dinge und die Zwecksetzung zur BedĂŒrfnisbefriedigung. Ein einzelnes Objekt Ă€ndert seinen Charakter dabei nicht kontinuierlich, sondern kann nur entweder Wert sein – und damit Verwertungsmittel – oder als kollektiv zur VerfĂŒgung stehendes Mittel zur BedĂŒrfnisbefriedigung dienen; es kippt zwischen den ZustĂ€nden, wĂ€hrend gesamtgesellschaftlich eine kontinuierliche Bewegung stattfindet.

Über transpersonales Commoning wird die Zwecksetzung zur BedĂŒrfnisbefriedigung allgemeingĂŒltig konkretisiert und ist nicht von einer „interpersonal verabredeten Außerkraftsetzung der exkludierenden Wirkung des Eigentums“ (M/S, S.151) abhĂ€ngig. Durch die gemeinsame Instanz wird der Re/Produktionsprozess durchsichtig und „transpersonales Vertrauen“ (M/S, S.151) kann entstehen und muss nicht vorausgesetzt werden. Da die Gesellschaft durch Selbstorganisation auf transpersonaler Ebene, das heißt ohne einem abstrakten Verwertungsprozess, so funktioniert, wie sie mir im Alltag gegenĂŒbertritt, entsteht auf interpersonaler Ebene die Möglichkeit, „dass ich mein Bewusstsein ĂŒber mein Nahumfeld hinaus auf gesellschaftliche ZusammenhĂ€nge zur Bewusstheit erweitere“ (M/S, S.150). Die interpersonalen Momente sollen somit nicht durch die transpersonale Ebene negiert werden, sondern durch diese Ebene ĂŒberhaupt erst ihre Möglichkeit finden. Andersherum ist transpersonales Commoning von den interpersonalen Strukturen und etwa der Möglichkeit abhĂ€ngig, „andere Menschen als bedĂŒrftige Individuen mit eigenen WĂŒnschen und Wahrnehmungen zu erkennen und sie auf Augenhöhe in die eigenen WĂŒnsche und Wahrnehmungen einzubeziehen, anstatt sie nur instrumentell den eigenen BedĂŒrfnissen unterzuordnen“ (M/S, S.210). Transpersonales Commoning setzt dabei nur den Rahmen, wĂ€hrend Commoning als materiell schaffender Prozess auf interpersonaler Ebene stattfindet.

Folgend wird transpersonales Commoning in den vier Szenarien des Dominanzwechsels von Meretz und SutterlĂŒtti (Effizienz, Ausdehnung, Staat, Krise. M/S, S.223-233) untersucht.

Vier Szenarien des Dominanzwechsels#

1. Effizienz des Commonings#

Als erstes Szenario des Dominanzwechsels (M/S, 224-226) ĂŒberlegen Meretz und SutterlĂŒtti, ob Commoning effizienter werden kann als es des Kapitalismus ist. Sie stellen dabei fest, dass innerhalb der Warenproduktion die „lokale und partielle Effizienz immer einhergeht mit gesamtsystematischer Ineffizienz – gemessen an menschlicher BedĂŒrfnisbefriedigung“ (M/S, S.225. Hervorheb. M.M.). Weiter: „Die commonistische Inklusionslogik erreicht [
] eine wesentlich höhere Gesamteffizienz der BedĂŒrfnisbefriedigung, die aber unter UmstĂ€nden einhergehend mit verwertungsbezogener »Ineffizienz« [
] ist“ (ebd., Hervorheb. M.M.). Hier zeigt sich, warum sich die Effizienz der kapitalistischen Produktion und Commoning so schwer vergleichen lassen: Sie beziehen sich auf zwei völlig verschiedene Dinge. Einmal auf Verwertung (des Wertes), das andere mal auf BedĂŒrfnisbefriedigung.

Folgend geht es um die von Meretz und SutterlĂŒtti nur kurz in Form des Wissenskommunismus (Beispiel: Wikipedia) angedachte Möglichkeit, das Feld der Warenproduktion zu verlassen (vgl. M/S, S.225), hier, durch das transpersonale Commoning. Die einzige Gemeinsamkeit kapitalistischer Produktion und Commoning ist dabei die (Möglichkeit zur) Anwendung von privaten Mittel; die kapitalistische Produktion basiert darauf, wĂ€hrend sie im Commoning verwendet werden können, um gesellschaftliche Mittel zu produzieren bzw. sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse direkt zu befriedigen. Sind also gesellschaftliche Mittel nicht bzw. nur im VerhĂ€ltnis zu den privaten Mitteln geringer Anzahl vorhanden, muss Commoning mit diesen privaten Mitteln durchgefĂŒhrt werden. Das heißt, diese mĂŒssen durch einen politischen Prozess ĂŒberfĂŒhrt (siehe: 11.3 politisches Commoning) oder von einzelnen Produzierenden privat angekauft werden. Der private Ankauf arbeitssparender Produktionsmittel findet dabei seine realistische Möglichkeit durch die Konkurrenz innerhalb der kapitalistischen Produktion. Die Effizienz eines Produktionsmittel innerhalb der Verwertungslogik ist darin relativ zur Effizienz der Produktionsmitteln anderer Unternehmern Der Wert des Produktionsmittels misst sich dabei daran, ob mit ihm marktgerecht produziert werden kann. Ist dem nicht so, verliert es an Wert und kann fĂŒr LohnabhĂ€ngige erschwinglich werden, deren Interesse nicht in einer Produktion fĂŒr den Markt liegt, sondern in einer Produktion zur UnabhĂ€ngigkeit von dem Markt. Außerhalb des Marktes wird sich auf ein Produktionsmittel nur seinem aufwandssparenden Charakter nach bezogen und diese Form der Effizienz steigt dabei absolut mit dem Fortschritt der technischen Entwicklungen. Ein Umstieg auf eine Produktionsweise zur BedĂŒrfnisbefriedigung wird daher – innerhalb dieser rein materiellen Perspektive – umso einfacher, je fortgeschrittener die Technik innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise schon ist.

Je partieller die Commons-Struktur schließlich aufgebaut ist und je vereinzelter die Commoning-Prozesse sind, desto ineffizienter ist ihre Zusammenarbeit. Zu Beginn des Commonings werden nur Prozesse der ersten Stufe, sprich, zur direkten BedĂŒrfnisbefriedigung möglich sein. Je mehr freie Zeit durch Commoning erreicht werden kann, desto mehr Zeit kann insgesamt zur direkten BedĂŒrfnisbefriedigung aufgewendet werden, desto kooperativer kann die BedĂŒrfnisbefriedigung sein. Fehlen gesellschaftliche Mittel zur Befriedigung von sinnlich-vitalen BedĂŒrfnissen, kann ein Bedarf danach eingespeist werden. Gesellschaftliche Mittel sind der materielle Boden des Commonings und je mehr daher hergestellt wurden, desto mehr sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse können befriedigt werden, desto mehr freie Zeit fĂŒr Commoning entsteht, desto aufwendiger darf die Befriedigung einzelner BedĂŒrfnisse sein, desto speziellere Mittel entstehen, usw. Auf diese Weise entsteht und wĂ€chst die Struktur der modernen Commons und mit ihr wĂ€chst die Effizienz zur BedĂŒrfnisbefriedigung stetig an. Das VerhĂ€ltnis der Verwendung von privaten Mittel zu den gesellschaftlichen Mitteln (gM/pM) zeigt dabei an, inwieweit die Commons-Struktur von seinem kapitalistischen Umfeld unabhĂ€ngig geworden ist. Im Gegensatz zu Lohnarbeitern ist der Wohlstand der am Commoning Beteiligten an die EigenstĂ€ndigkeit der Commons-Struktur gekoppelt. Je effizienter diese schließlich wird, desto weniger muss getan werden bzw. desto höher wird der Lebensstandard der Produzierenden.

In der Anwendung privater Mittel fĂŒr das Commoning werden die durch das Privateigentum definierten Grenzen kapitalistischer Unternehmen ab dem ersten Moment ĂŒberschritten und die einzelne TĂ€tigkeit gliedert sich in eine gesamtgesellschaftliche Kooperation nach Inklusionslogik ein. Die Wege der Produktion nach Verwertung und nach BedĂŒrfnisbefriedigung trennen sich daher von Anfang an und damit klĂ€rt sich auch die Frage, wie der Kapitalismus ĂŒbernommen werden kann: Er kann es nicht. Die heutige Wirtschaftsstruktur entsteht durch den abstrakten Geldverwertungsprozess, durch die Suche nach der hohen Profitrate und nicht um BedĂŒrfnisse zu befriedigen. Commoning ist keine Übernahme der Struktur, sondern eine Aufhebung. In der Entstehung des Kapitalismus in England wurden auch nicht die feudalen Bauernhöfe ĂŒbernommen, sondern die Felder in gewinnbringendere Schafweide verwandelt (vgl. MEW23, S.744). Die Logik eines neuen ProduktionsverhĂ€ltnisses ist nicht auf die Struktur des bestehenden ĂŒbertragbar und selbst die innerhalb eines bestimmten ProduktionsverhĂ€ltnisses produzierten Mittel unterscheiden sich voneinander. Was gesellschaftliche Produktionsmittel dabei speziell ausmachen muss, hat die Open Source Ecology herausgestellt und folgende sind die wichtigsten sechs Vorgaben: (1) Die BauplĂ€ne sind öffentliches Eigentum. (2) ModularitĂ€t [Das heißt, eine grĂ¶ĂŸere Maschine besteht aus mehreren fĂŒr sich stehenden Komponenten, die auch an anderer Stelle eingesetzt bzw. leicht ausgetauscht werden können. M.M.] (3) Geringe Kosten [allgemeiner formuliert: Wenig gesellschaftlich-notwendige Arbeitszeit. M.M.] (4) Auslegung auf lebenslange Haltbarkeit. (5) Effizienz muss sich mit den Industriestandards des Marktes messen können. (6) Einsetzbarkeit in verschiedenen Arbeitsbereichen. (vgl. OSE-wiki[6], Übersetzung M.M.).

2. Ausdehnung der Commons-Struktur#

Wodurch dehnt sich das transpersonale Commoning also aus, wenn die Bewegung des Commonings B- – ...c... – B+ doch ausgleichend ist? Durch die Deckung des Bedarfs an gesellschaftlichen Mitteln, der im Prozess zur Befriedigung von sinnlich-vitalen BedĂŒrfnissen entsteht. Da die BedĂŒrfnisbefriedigung ĂŒber die Commons-Struktur keine Gegenleistung erfordert, werden immer BedĂŒrfnisse anstehen, die es zu befriedigen gilt. In der zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur können immer aufwendigere BedĂŒrfnisse befriedigt werden und dafĂŒr werden immer mehr gesellschaftliche Mittel benötigt. Gesellschaftliche Mittel sind dabei nicht nur Maschinen und Rohstoffe, sondern auch Immobilien und Boden. Die ausgleichende Bewegung B- – ...c... – B+ hat somit einen Ă€hnlich expansiven Drang wie die kapitalistische Bewegung G – W – G‘.

In einer als Privateigentum erschlossenen Welt stĂ¶ĂŸt dieser Drang allerdings schnell an seine Grenzen. Meretz und SutterlĂŒtti beschreiben, dass der „transpersonale Vermittlungsraum durch den Äquivalententausch beherrscht wird“ bzw. der „transpersonale Raum schon besetzt [ist]“ (M/S, S.230). Weiter: „Das transpersonale Vermittlungsterrain mĂŒsste vom Äquivalententausch StĂŒck fĂŒr StĂŒck ĂŒbernommen werden. Das ist der Kern der Ausdehnungsidee“ (ebd.). Es geht hier um ÜberfĂŒhrung von kapitalistisch verwendeten Privateigentum in die Commons-Struktur bzw. um die bestimmende Deutung der Dinge; sind sie Zweck der Verwertung oder Zweck der BedĂŒrfnisbefriedigung? Problematisch ist dabei, dass der Warenfetisch Kern der bĂŒrgerlichen Gesellschaft ist. Um das Problem fassen zu können, kann vor sich auf den Tisch eine MĂŒnze gelegt und der Versuch unternommen werden, in ihr nur ein StĂŒck Metall zu sehen, ohne, dass der entsprechende Geldwert sich aufdrĂ€ngt. Es mag die reinste Form des Fetisches sein, aber fĂŒr jemanden, der sich dieses Prozesses nicht bewusst ist, ist es Ă€hnlich schwer denkbar, dass in etwa eine Wohnung oder eine Maschine keinen Geldwert mehr haben soll. Aber genau diese Werteigenschaft als bestimmende Form aus den Köpfen zu bekommen – sie ĂŒberflĂŒssig zu machen – ist das Ziel der gesellschaftlichen Befreiung aus der sachlichen Herrschaft.

WĂ€hrend der Ausdehnung der Commons-Struktur werden durch BedĂŒrfnisbefriedigung tendenziell diejenigen Personen unabhĂ€ngiger von der kapitalistischen Produktion, die sich selbst an an priorisierten Commoning-Prozessen beteiligen. Die zusĂ€tzlich zur VerfĂŒgung stehende Zeit kann – muss aber selbstverstĂ€ndlich nicht – wieder fĂŒr Commoning aufgewendet werden, um eine noch weitreichendere UnabhĂ€ngigkeit von Lohnarbeit zu erhalten. Falls sich entschieden wird die gewohnte Arbeitszeit beizubehalten kann die eingesparte Geldmenge in private Mittel fĂŒr Commoning-Prozesse oder kapitalistische KonsumgĂŒter investiert werden. Je nachdem wĂ€chst die UnabhĂ€ngigkeit von der kapitalistischen Struktur oder steigt die eigene LebensqualitĂ€t. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene allerdings Ă€ndert sich mit der zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur nichts an den Grundbewegungen einer bestimmenden Verwertungslogik: Da LohnabhĂ€ngige durchschnittlich weniger Geld benötigen, aber noch nicht ohne Geld ĂŒberleben können, sinken tendenziell die Löhne in neuen ArbeitsvertrĂ€gen. Da hierdurch mehr Lebenszeit verkauft werden muss, um den Lebensstandard zu halten, kann es sein, dass trotz der zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur das Arbeitsvolumen fĂŒr LohnabhĂ€ngige durchschnittlich nicht abnimmt bzw. der Lebensstandard nicht steigt.

Zur Veranschaulichung kann sich dafĂŒr vorgestellt werden, sĂ€mtliche sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse nach Nahrungsmitteln könnten innerhalb eines Landes durch Commoning befriedigt werden. 2015 machten dabei in Deutschland die monatlichen Ausgaben fĂŒr Nahrungsmittel 10,2% des Lohnes aus[7] (zum Vergleich: USA – 6,4%. Thailand – 28,8%). Diese Kosten entfallen durch das Commoning, die Lebenskosten sinken damit um 10,2%, die AbhĂ€ngigkeit von Lohn – etwa fĂŒr Miete, Versicherungen, andere KonsumgĂŒter, etc. - besteht aber weiterhin und damit ebenfalls die Dynamik zwischen den Arbeitern und den Arbeitslosen. Arbeitslose sind weiterhin gezwungen ArbeitsvertrĂ€ge anzunehmen, deren Lohnhöhe in erster Linie nur ihre Lebenskosten decken muss. Die Lohnhöhe kann damit um 10,2% geringer ausfallen, als es zu dem Zeitpunkt der Fall war, an dem das BedĂŒrfnis nach Nahrungsmitteln noch ĂŒber den Markt befriedigt werden musste. In reiner Perspektive auf die Arbeitsbedingungen wĂ€re damit nichts gewonnen, aber darĂŒber hinaus stĂŒtzt sich die kapitalistische Produktion jetzt auf die Commons-Struktur (vgl. doppelte FunktionalitĂ€t: M/S, S.204). Ein Zusammenbruch der Commons-Struktur wĂŒrde bedeuten, dass die Löhne nicht mehr ausreichend den Lebensbedarf decken bzw. in den Branchen ausgegeben werden muss, die bisher ĂŒber Commoning abgesichert waren. Das Warenkapital der anderen Branchen kann somit unregelmĂ€ĂŸiger in Geldkapital verwandelt werden und die Wahrscheinlichkeit einer kapitalistischen Krise wird verstĂ€rkt (siehe: 11.4 Krisendynamik
). Aus einer Systemebene betrachtet, dehnt sich die Commons-Struktur somit unter der kapitalistische Gesellschaft aus und macht diese zunehmend abhĂ€ngig von ihrer eigenen StabilitĂ€t.

3. Politisches Commoning#

Privater Ankauf von Produktionsmittel durch Lohnarbeit und ihre Anwendung fĂŒr Commoning ist ein Weg gesellschaftliche Produktionsmittel herzustellen. WĂ€re es aber damit möglich, das Commoning zur gesellschaftlich bestimmenden Produktionsweise zu machen, dann wĂ€re jede Theorie zu den Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise Unsinn, das Kapital hĂ€tte sich nicht in immer weniger HĂ€nden zentralisiert und lohnabhĂ€ngig zu sein wĂ€re kein Zustand der UnterdrĂŒckung. Es braucht also Möglichkeiten zur direkten ÜberfĂŒhrung von kapitalistischem Eigentum, dafĂŒr also einen politischen Prozess, der aber auf Basis der Logik des Commonings neu gedacht werden muss. Meretz und SutterlĂŒtti kritisieren zurecht Reform- und Revolutionsversuche, die „in der politischen SphĂ€re beginnen und von dort aus die gesamte Gesellschaft ergreifen sollen“ (M/S, S.48) und bringen es folgend auf den Punkt: „Es ist ein Widerspruch in sich: Der fremdbestimmende Staat soll Selbstbestimmung bringen“ (M/S, S.52). Politisches Commoning setzt daher, wie alle anderen Commoning-Prozesse, auf Ebene der anstehenden sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisse an, befriedigt diese aber auf andere Weise als die materielle Produktion.

Politisches Commoning ist immer die Ansprache des Staates, etwa in Form von Demonstrationen oder sozialen Ungehorsam, oder TĂ€tigkeit als Teil des Staates selbst, um allgemeingĂŒltige Bedingungen zu erzeugen, in denen sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse direkt ĂŒber Commoning befriedigt werden können. Politisches Commoning kann selbst nie direkt sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse befriedigen – staatliche Politik ist immer HerrschaftsausĂŒbung und damit nicht mit Commoning vereinbar -, sondern kann nur an der ÜberfĂŒhrung von kapitalistisch verwendeten Mitteln zu gesellschaftlichen Mitteln mitwirken, also die allgemeine Deutung einzelner Dinge als Wert oder als Mittel zur BedĂŒrfnisbefriedigung bestimmen. Der primĂ€re Weg hierfĂŒr ist der Entwurf von Gesetzen und demokratische AufklĂ€rung, damit diese in Kraft treten. Im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung steigt die Anzahl an nahezu eigentumslosen LohnabhĂ€ngigen im Gegensatz zu einer immer kleiner werdenden Gruppe Menschen, welche nur durch die Geldvermehrung selbst leben (vgl. MEW23, S.791). Von diesem Standpunkt aus ergibt es daher im demokratischen Feld Sinn kapitalistischen Eigentum – etwa Produktionsmitteln insolvent gegangener Unternehmen oder auch Wohnungen aus der Immobilienspekulation – in eine Struktur zu ĂŒberfĂŒhren, in denen auch Eigentumslose ihre BedĂŒrfnisse mit diesen bereits vorhandenen Mitteln befriedigen können. Commoning steht allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern ist Teil einer kommunistischen Geschichte. Da in dieser schon oft Versprechen nicht eingehalten werden konnten, dass sich nach einer – wie auch immer aussehenden – Revolution die Lebensbedingungen der LohnabhĂ€ngigen deutlich verbessern wĂŒrden, stellt Bini Adamczak in „gestern morgen“ (2015) die „beunruhigende Frage [
], ob die mangelnde Revolutionsbereitschaft der Massen nicht eher historische als ideologische GrĂŒnde hat“ (Adamczak, S.139). Weiter: „Als handele es sich – nach den Revolutionen des 20. Jahrhunderts! - bei der Skepsis gegenĂŒber allen kommunistischen Versprechungen lediglich um falsches Bewusstsein und nicht vielmehr um ein richtiges“ (ebd.). Durch eine bereits bestehende Commons-Struktur muss daher erfahrbar werden, dass die selbstorganisierte Produktion nach BedĂŒrfnisbefriedigung tatsĂ€chlich die eigenen Lebensbedingungen verbessert. Erst von hier aus kann Politik betrieben werden, welche sich der staatskommunistischen Geschichte enthebt und der bĂŒrgerlichen Ideologie neu entgegengestellt werden kann.

FĂŒr die BedĂŒrfnisbefriedigung im Rahmen des Commonings ist es dabei unerheblich, ob etwa ein Haus oder eine Maschine ĂŒberfĂŒhrt – also Enteignung auf Wertebene und Eingliederung in die Mittel der Commons-Struktur – oder neu produziert wurde. Der einzige Unterschied ist der jeweils damit zusammenhĂ€ngende Aufwand, die dafĂŒr vorhandenen Möglichkeiten im jeweiligen Umfeld bzw. die jeweiligen FĂ€higkeiten der am Commoning teilnehmenden Personen. So wie bei produzierenden Commoning-Prozessen kein privates Eigentum entsteht, ist es auch bei dem politischen Commoning der Fall. FĂŒr die einzelne Person hat politisches Commoning einen Vorteil durch die Priorisierung ihrer eigenen BedĂŒrfnisse. Das im politischen Commoning entstehende Geld – etwa in Form von DiĂ€ten, ZuschĂŒssen oder Projektförderungen – wird daher, wie etwa Halbfabrikate in der Produktion, fĂŒr die BedĂŒrfnisbefriedigung des jeweiligen Commoning-Prozesses aufgebraucht und ist zu keinem Zeitpunkt Eigentum von Personen, Gruppen oder gar der Commons-Struktur. Wenn auch Personen im unterschiedlichen Maßstab an beiden Gesellschaftsformen – Produktion nach Verwertung und Produktion nach BedĂŒrfnisbefriedigung – teilnehmen und diese Gesellschaftsformen aufeinander aufbauen bzw. sich aufeinander stĂŒtzen, bleiben sie zu jedem Zeitpunkt in sich geschlossen und voneinander getrennt.

4. Krisendynamik zwischen kapitalistischer Produktion und Commoning#

Die kapitalistische Produktion selbst hat eine starke Eigendynamik, ist aber ihrer Grundlogik nach nicht stabil, sondern erzeugt aus sich heraus durch das rĂ€umliche und zeitliche Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf immer wieder Krisen; das Geldkapital wird ĂŒber die Waren Produktionsmittel und Arbeitskraft zum produktiven Kapital, holt hier Mehrarbeit aus den Produzierenden und vergegenstĂ€ndlicht diese im Warenkapital. Das Warenkapital steht somit in der ZirkulationssphĂ€re (Markt), was in der kapitalistischen Produktion etwa den Vorteil bringt, dass andere Kapitalisten fĂŒr ihre eigene Produktion sofort darauf zugreifen können und nicht, wie es im Commoning der Fall ist, dass etwa die dafĂŒr notwendigen Mittel erst hergestellt werden mĂŒssen. Anders als im Commoning gibt es fĂŒr die Waren aber keinen direkten Adressaten, niemanden, fĂŒr den es bestimmt ist und womöglich auch niemanden, der es gebrauchen kann bzw. wenn er oder sie es gebrauchen kann, dann vielleicht nicht zu dem Zeitpunkt oder es kann schlicht nicht bezahlt werden. Um dieses „Auseinanderfallen“ auszugleichen und etwa schon vor dem tatsĂ€chlichen Warenverkauf Geld fĂŒr neue Investitionen zu haben, nehmen Unternehmer und Investoren Kredite auf, handeln mit Schuldversprechen und stehen somit in wechselseitiger AbhĂ€ngigkeit zueinander. Wenn Krisen auch vielfĂ€ltige Ursachen haben, ist der Zwang zur Ausdehnung, die notwendige Bewegung von G nach G‘, zentral. In dem stĂ€ndigen Zwang gegen die Konkurrenz mit immer billigeren Preisen zu bestehen, werden Lohnarbeiter durch moderne Produktionsmittel ersetzt und an anderer Stelle wieder zu niedrigeren Löhnen von ihrer Arbeitslosigkeit befreit. In der Produktion mit immer effektiveren Produktionsmitteln entsteht eine immer grĂ¶ĂŸere Masse an Warenkapital, fĂŒr dessen Verwirklichung KĂ€ufer gesucht werden mĂŒssen und dabei einer immer grĂ¶ĂŸeren Anzahl an LohnabhĂ€ngigen (insbesondere Abnehmer der Konsumtionsmittel) und Unternehmern (insbesondere Abnehmer der Produktionsmittel) gegenĂŒbersteht, welche die Produkte vielleicht benötigen, aber nicht mehr bezahlen können. Die Folge daraus ist die Vernichtung von Kapital. Einerseits, indem Maschinen, GebĂ€ude, Produkte, etc. unbenutzt liegen bleiben und Arbeit nicht lĂ€nger ausgebeutet werden kann – keine Produktion bedeutet verlorene Produktion –, anderseits, indem das produzierte Warenkapital deutlich unter seinem Wert verkauft wird und damit die Verwertung von Wert ohne immer weitere Kreditaufnahme unmöglich wird. Unternehmen gehen Bankrott und Lohnarbeiter werden vermehrt zu Arbeitslosen (vgl. MEW25, S.265).

Marx zur Situation von LohnabhĂ€ngigen in der Krise: „Das industrielle Arbeitslosenheer drĂŒckt wĂ€hrend der Perioden der Stagnation und mittleren ProsperitĂ€t auf die aktive Arbeiterarmee und hĂ€lt ihre AnsprĂŒche wĂ€hrend der Periode der Überproduktion und der Überspannung im Zaum. Der relative ArbeiterĂŒberschuss ist also der Hintergrund, worauf das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit sich bewegt“ (MEW23, 668). Weil es zur kapitalistischen Produktion bisher keine fortschrittliche Alternative gibt und LohnabhĂ€ngige immer versuchen mĂŒssen, ihre Arbeitskraft – auch zu Notfalls miserablen Bedingungen – zu verkaufen, steigt in einer Krise nicht nur die Zahl der Arbeitslosen, sondern verschlechtern sich auch die Arbeitsbedingungen der Arbeitenden. Wie Meretz und SutterlĂŒtti sagen, hat eine Krise somit immer auch „ein unumstĂ¶ĂŸliches subjektives Moment“ (M/S, S.232). Dieses subjektive Moment kann dazu fĂŒhren, dass – gesetzt, eine transparente Commons-Struktur existiert bereits – das Commoning wĂ€hrend einer kapitalistischen Krise gegenĂŒber der Lohnarbeit als sinnvoller zur Herstellung der eigenen Lebensbedingungen und HandlungsfĂ€higkeit empfunden wird. Bevor wir uns dem nĂ€her annehmen, muss aber die Commons-Struktur selbst auf Krisen ĂŒberprĂŒft werden.

Da Commoning in seinem Ideal freiwillig geschieht und auch bei einer BedĂŒrfnispriorisierung zumindest freie Zeit von persönlicher und sachlicher Herrschaft benötigt, können Krisen entstehen, indem die Zeit zwischen anstehenden und befriedigten BedĂŒrfnis nicht mehr in einem fĂŒr die BedĂŒrfnis-Vermittelnde Person akzeptablem Rahmen ist. Wenn, wie im anfangs genannten Beispiel, dreizehn Personen auf drei Stufen an der Produktion beteiligt sind und die drei Personen der zweiten Stufe erst mit ihrer TĂ€tigkeit beginnen können, wenn sich Personen fĂŒr die notwendigen TĂ€tigkeiten der dritten Stufe gefunden haben und diese ausgefĂŒhrt haben und wenn schließlich die Person, welche mit ihrer TĂ€tigkeit das BedĂŒrfnis befriedigen kann noch auf den Abschluss der drei TĂ€tigkeiten der zweiten Stufen warten muss, dann kann die vergehende Zeit dazwischen enorm sein. Das ist die Kehrseite des Ganzen: Kapitalistische Krisen entstehen in einer SphĂ€re, die im Commoning durch die vorher-Vermittlung nicht existiert, was aber einen deutlich lĂ€ngeren Produktionsprozess nach sich zieht. Wie kapitalistische Produktion von anderen kapitalistischen Produktionsprozessen abhĂ€ngig ist, ist auch ein einzelner Commoning-Prozess davon abhĂ€ngig, dass die BedĂŒrfnisse der darin Beteiligten möglichst vollstĂ€ndig außerhalb der Warenform befriedigt werden. In einer unterentwickelten Commons-Struktur kann ein einziger notwendiger Commoning-Prozess, der nicht ins Laufen kommt und fĂŒr den es keine Alternative gibt, reichen, um die Befriedigung eines sinnlich-vitalen BedĂŒrfnisses – welches nicht nur an einen einzigen, sondern an beliebig vielen Adressaten gerichtet sein kann – anzuhalten. Ist dieses BedĂŒrfnis fĂŒr die Personen existenziell und wird es nicht ĂŒber Commoning befriedigt, mĂŒssen sie selbst von ihrer Beteiligung in anderen Commoning-Prozessen ablassen und sich wieder vermehrt der Lohnarbeit widmen. Da damit natĂŒrlich weniger Zeit fĂŒr Commoning zur VerfĂŒgung steht, werden sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse anderer wieder nicht erfĂŒllt und so weiter. Aber je stĂ€rker der öffentliche Sektor des sie umgebenden bĂŒrgerlichen Staates, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass eine commonistische Krise tatsĂ€chliche ExistenzĂ€ngste auslöst oder zumindest nur in dem Maßstab, wie sie im bĂŒrgerlichen Staat ohnehin gegeben sind. Auch hier wird wieder deutlich: Das kapitalistische System ist der Boden des Commonings und nicht (nur) sein Gegenspieler.

Die Wahrscheinlichkeit einer Krise nimmt im Kapitalismus durch zunehmende Konkurrenz zu, in der Commons-Struktur nimmt sie durch immer mehr Beteiligte und Ausweichmöglichkeiten ab. Wollen sich LohnabhĂ€ngige im Kapitalismus derselben TĂ€tigkeit widmen, stehen sie in Konkurrenz und nur ein kleiner Teil davon darf sich ihr schließlich annehmen, wobei die Arbeitszeiten lĂ€nger und der Lohn geringer wird, je höher das Angebot an ArbeitskrĂ€ften ist. Wollen sich LohnabhĂ€ngige in der Commons-Struktur derselben Art einer BedĂŒrfnisbefriedigung annehmen, ist es aus Perspektive der Effizienz fĂŒr jeden von Vorteil diese als Kooperationsprozess aufzuteilen. Die dafĂŒr insgesamt benötigte Zeit nimmt* damit ab und die LebensqualitĂ€t – im Sinne zusĂ€tzlich freier Zeit – eines jeden nimmt zu, *je mehr Personen sich beteiligen. Je etablierter schließlich diese Produktionsweise in seinem kapitalistischen Umfeld ist, desto sinnvoller wird Commoning fĂŒr die Produzierenden und da hierfĂŒr gesellschaftliches Eigentum benötigt wird, werden erst dadurch auch „die EigentumsverhĂ€ltnisse zunehmend in Frage gestellt“ (M/S, 232). Das ist hierfĂŒr essentiell: In einer Krise mag die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden zunehmen, aber der Warenfetisch wird dadurch nicht aufgehoben. Antisemitische TrugschlĂŒsse liegen oft nĂ€her als ErklĂ€rung fĂŒr soziales Elend, als die Auswirkung einer verselbststĂ€ndigten Dynamik des privaten Eigentums. Wenn Meretz und SutterlĂŒtti also davon sprechen, dass eine Krise „ein Überschreiten der ZustĂ€nde [verlangt]“ (M/S, S.230) ist das durchaus richtig, aber wenn es keine fortgeschrittene Produktionsweise gibt, welche die Ideologie des alten Systems auflösen kann, dann bleibt das Denken in der vermeintlichen Vernunft der Geldlogik gefangen.

Wenn Commoning gesamtgesellschaftlich immer sinnvoller wird und immer mehr BedĂŒrfnisse dadurch befriedigt werden, können kapitalistische Unternehmen immer weniger Warenkapital in Geldkapital verwandeln und folglich verschĂ€rfen sich die kapitalistischen Krisen, wie die Commons-Struktur stabiler wird. Aber wenn die Arbeitsbedingungen in Krisen fĂŒr LohnabhĂ€ngige immer hĂ€rter werden und Lohnarbeit im bestehenden System zur Erhaltung der eigenen Existenz notwendig ist, durch wen soll dann Commoning betrieben werden? Durch Arbeitslose. Der Kapitalismus funktioniert nicht ohne einen arbeitslosen Bevölkerungsteil, welche selbst systematisch zur Arbeit verpflichtet sind, wĂ€hrend aber ihre jeweiligen FĂ€higkeiten innerhalb der kapitalistischen Produktion nicht benötigt werden. Ohne dass ein Mangel herrscht und obwohl das System eben von ihrem Vorhandensein abhĂ€ngig ist, werden sie vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen. Tilman W. Alder fasst in seiner Arbeit „Eine Sicht der Kritischen Psychologie auf Arbeitslosigkeit als psychische Deprivation“[8] die fĂŒnf zentralen Effekte der Arbeitslosigkeit nach der Sozialforscherin Jahoda folgendermaßen zusammen: (1) Die gewohnte Zeitstruktur wird zerstört. (2) Resignation, Langeweile und Zeitverschwendung beginnen den Alltag zu dominieren. (3) Seelische Belastung durch das GefĂŒhl nicht gebraucht zu werden; das GefĂŒhl ein Ausgestoßener in der Gesellschaft zu sein. (4) Soziale Kontakte innerhalb der Erwerbsarbeit brechen schlagartig ab und fĂŒhren zu einer zunehmenden Isolation. (5) Der öffentliche, mit dem Beruf verbundene, Status nimmt ab, so wie sich Arbeitslose zunehmend mit ihrer Arbeitslosigkeit identifizieren (vgl. TWA, S.16-18). Jahoda schließt daraus, dass die Lohnarbeit, besonders auf Grund ihres „Zwangsmoments“ (vgl. TWA, S.21), fĂŒr Menschen eine zentrale und wichtige Bedeutung hat. Alder kann ihr allerdings entgegenstellen, dass diese zentrale Lebensbedeutung der Lohnarbeit nur zutrifft, „wenn der gesellschaftliche Handlungsrahmen dies erfordert; ich also ohne Erwerb ausgeliefert bin“ (TWA, S.55).

Heute ist fĂŒr LohnabhĂ€ngige Lohnarbeit die einzige Form um ĂŒber die Bedingungen des eigenen Lebens verfĂŒgen zu kommen und der Handel mit ihrer einzigen Ware, der Ware Arbeitskraft, ist den Gesetzen von Angebot und Nachfrage an ArbeitskrĂ€ften und damit auch den kapitalistischen Krisen unterworfen. Mit der Ausdehnung der Commons-Struktur und je mehr sich das kapitalistische System darauf stĂŒtzt, desto mehr löst sich dieser Zustand der Unterwerfung und neue Handlungsmöglichkeiten zur Herstellung der eigenen Lebensbedingungen entstehen außerhalb des kapitalistischen Systems. Von der kapitalistischen Produktion freigestellte Arbeitslose können sich in der Commons-Struktur produktiv einbringen, um sich sinnlich-vitale BedĂŒrfnisse befriedigen zu lassen, deren Befriedigung ihnen auf anderen Weg nicht möglich ist. Durch die BedĂŒrfnisbefriedigung haben Arbeitslose damit einen eigenen Vorteil durch Commoning, selbst, wenn die Beteiligung daran fĂŒr Lohnarbeitende noch nicht sinnvoll ist. Die Commons-Struktur wĂ€chst damit an, je verheerender eine kapitalistische Krise ausfĂ€llt. Je ausgebauter eine Commons-Struktur ist, desto abhĂ€ngiger macht sich das kapitalistische System (durch die Höhe der durchschnittlichen Löhne) von ihr. Je fortgeschrittener schließlich die absolute Effizienz der innerhalb der Commons-Struktur verwendeten Mittel ist, desto einfacher lassen sich die Lebensbedingungen einer Commons-Gesellschaft darin herstellen. FĂŒr den Umbruch von einer durch Verwertung zu einer durch BedĂŒrfnisbefriedigung bestimmten Produktionsweise, kann eine kapitalistische Krise daher verstĂ€rkend wirken. Das in den Krisen entstehende Verlangen nach einem „Überschreiten der ZustĂ€nde“ (M/S, S.230) kann durch die bereits mögliche Erfahrbarkeit des Commonings als Produktionsweise zur tatsĂ€chlichen Verbesserung der Lebensbedingungen eine emanzipatorische Richtung annehmen und muss so nicht, wie es bisher in Krisen immer wieder der Fall war, in reaktionĂ€ren, zum Faschismus tendierenden, Nationalismus oder fanatischer ReligiositĂ€t zurĂŒckfallen.

Abschließend#

„In schneidenden WidersprĂŒchen, Krisen, KrĂ€mpfen drĂŒckt sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen ProduktionsverhĂ€ltnissen aus. Gewaltsame Vernichtung von Kapital, nicht durch ihm Ă€ußere VerhĂ€ltnisse, sondern als Bedingungen seiner Selbsterhaltung, ist die schlagendste Form, worin ihm advice gegeben wird, to be gone and to give room to a higher state of production.“ (MEW42, S.642)

Dass Stefan Meretz und Simon SutterlĂŒtti ihr Werk „Kapitalismus aufheben“ im Untertitel als „eine Einladung“ bezeichnen, um â€žĂŒber Utopie und Transformation neu nachzudenken“, sollte jeder Kritikerin und jedem Kritiker klar machen, dass es nicht ihr Anspruch ist, in Sachen Klarheit und PrĂ€zision an ihre Vordenker Marx und Holzkamp heranzukommen. Was die beiden Autoren dafĂŒr geschafft haben, ist ĂŒberhaupt eine Grundlage zur Diskussion ĂŒber eine materialistische Methode zur tatsĂ€chlichen Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft zu geben, welche den einzelnen Menschen dabei nicht fĂŒr ihre Zwecke objektiviert. Wenn ihre Theorie auch noch problematisch ist, ist der Schritt, den sie damit in Richtung der Erschaffung einer wirklich revolutionĂ€ren Praxis gegangen sind, gewaltig. Da Meretz und SutterlĂŒtti die Schwachstellen ihrer bisherigen Keimformtheorie nicht verstecken, habe ich ihre Einladung angenommen und hoffe hiermit, ihre Theorie ein wenig standfester gemacht zu haben.

Besonders wichtig war mir dabei die EinfĂŒhrung einer Strukturformel des Commonings, um diese Produktionsweise erstmals zu konkretisieren und sie damit nicht nur mit der kapitalistischen Produktion vergleichbar, sondern auch bestimmte allgemeine Momente einer commonistischen Gesellschaft denkbar zu machen. Durch diese Formel konnte ich fĂŒr mich die wesentlichen Probleme der von Meretz und SutterlĂŒtti beschriebenen Keimform herausstellen, welche sich meiner Meinung nach wesentlich darin begrĂŒnden, dass sie versuchen aus den bestehenden Commons auf eine allgemeine Logik zu schließen, anstatt von einer allgemeinen Logik aus Commoning neu zu begreifen.

Zur Verwirklichung der von mir neu definierten Commons-Struktur sehe ich als wesentlichen Schritt die technische Entwicklung einer gemeinsamen Instanz, durch welche sich die Herstellung und Erhaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen hierarchiefrei organisieren lĂ€sst und welche es ermöglicht, dafĂŒr Mittel mit einem allgemeingĂŒltigen Zweck zu beschreiben. Diese Zwecksetzung der gesellschaftlichen Mittel steht dabei dem Wert der kapitalistischen Gesellschaft gegenĂŒber. Die Aufhebung des Kapitalismus ist damit ein kontinuierlicher Prozess, in welchem StĂŒck fĂŒr StĂŒck einzelne Dinge ihren Wertcharakter vollstĂ€ndig verlieren und als Mittel zur BedĂŒrfnisbefriedigung durch diese gemeinsame Instanz organisiert werden können.

Weiter bin ich der Überzeugung, dass nur ĂŒber eine solche gemeinsame Instanz eine Produktionsweise entstehen kann, welche gesellschaftliche Produktion durchsichtig macht und sowohl auf inter- als auch transpersonaler Ebene inkludierend wirkt. Sich ĂŒber diese Instanz gesamtgesellschaftlich zu vermitteln, darauf folgend auch ĂŒber die daraus entstehenden interpersonalen Strukturen, sollte mit einer zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur heute LohnabhĂ€ngige dabei unterstĂŒtzen, ihre Lebensbedingungen selbstbestimmt herzustellen, wĂ€hrend fĂŒr sie die damit verbundenen Anstrengungen und Risiken gegenĂŒber der Lohnarbeit immer geringer werden.

Zuletzt sind meiner Meinung nach kapitalistische Krisen zur Herstellung einer Commons-Struktur von besonderer Bedeutung. Nicht nur, weil sich ganz allgemein die Arbeits- und Lebensbedingungen von LohnabhĂ€ngigen verschlechtern und damit Commoning objektiv immer sinnvoller wird, sondern durch die mit ihr einhergehende wachsende Zahl an Arbeitslosen. Durch die BedĂŒrfnispriorisierung sind fĂŒr Arbeitslose die zusĂ€tzlichen Handlungsmöglichkeiten, welche durch andere bereits in einer unausgebauten Commons-Struktur angeboten werden, bereits von Vorteil zur Herstellung der eigenen Lebensbedingungen, wĂ€hrend die Vermittlung darĂŒber in diesem Stadium der Struktur fĂŒr Lohnarbeitende noch nicht sinnvoll ist. Die AbhĂ€ngigkeit des kapitalistischen Systems von Arbeitslosigkeit (bzw. einer „industriellen Reservearmee“) kann ihm somit zum VerhĂ€ngnis werden und, die notwendigen Bedingungen vorausgesetzt, den Umbruch zu einer fortgeschrittenen Produktionsweise ermöglichen.

Bei all den theoretischen Fragen, die noch beantwortet werden können (etwa zum Prozess der Umstrukturierung, zur genaueren Analyse des VerhĂ€ltnisses zwischen interpersonalen und transpersonalen Commoning oder auf welchem juristischen Boden eine politische ÜberfĂŒhrung von kapitalistischen Eigentum in die Commons-Struktur steht), halte ich von wesentlicher Bedeutung nur die sehr praktische Frage, wie eine gemeinsame Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung der Mittel realisiert und von AußeneinflĂŒssen geschĂŒtzt werden kann. Meiner Ansicht nach, sind alle weiteren Fragen dieser gegenĂŒber zweitrangig.

Stand: Februar 2021

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Fußnoten#

[1] https://commonism.us/files/Sutterluetti-Meretz\_Kapitalismus-aufheben.pdf

[2] http://keimform.de/2017/das-geld-eine-historische-anomalie/

[3] https://archive.org/details/daskapitalunddiecommons

[4] http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch/

[5] Die „Commons“-Definition richtet sich hier nach Johannes Euler: „Ein Commons ist etwas, dessen soziale Form durch Commoning bestimmt wird“. Wasser als Gemeinsames (2020), S.60

[6] vgl. wiki.opensourceecology.org/wiki/ OSE_Specifications

[7] Statistisches Bundesamt – Basistabelle Konsumausgaben Nahrungsmittel ( https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/LaenderRegionen/Internationales/Thema/Tabellen/Basistabelle_KonsumN.html )

[8] https://archive.org/details/EineSichtderKritischesPsychologieaufArbeitslosigkeitalspsychischeDeprivation